Streifschüsse kosmischer Brocken
Erdnahe Vorbeiflüge von Asteroiden und Kometen sind ein natürliches
Ereignis, das seit Jahrtausenden beobachtet, analysiert und kommentiert
wird. Sie verweisen augenfällig auf die Impaktgefährdung des Planeten Erde.
Seit 1989 rasten die folgenden Objekte aus dem All dicht an der Erde vorbei:
☼ Der 400 Meter große Asteroid namens 4581 Asclepius passierte am 22. März
1989 den Blauen Planeten mit 640.000 km Abstand. Dies entspricht der
1,7-fachen Distanz von Erde und Mond. Mit 70.000 Stundenkilometern und einer
zeitlichen Differenz von sechs Stunden kreuzte der kosmische Brocken die
Erdbahn. Erstmals gesichtet wurde er eine Woche nach dem Vorbeiflug.
☼ Etwa alle vier Jahre nähert sich der ca. 4,6 Kilometer große, nach einem gallischen Stammesgott benannte Asteroid 4179 Toutatis der Erde. Auffallend
ist die Eigendrehung des kartoffelförmigen Objektes: Es rotiert nicht um
eine, sondern um zwei Achsen, wodurch die Bewegung torkelnd wirkt. Im Jahr
1992 flog Toutatis in einer Entfernung von 3.600.000 km an der Erde vorbei.
2004 passierte er mit 1.549.000 km Abstand, was etwa der vierfachen Distanz
von Erde und Mond entspricht.
Bei einem Impakt würde Toutatis
jegliche Zivilisation auslöschen, kommentierte die Nachrichtenagentur
Interfax 1996 den Vorbeiflug des
Asteroiden unter Berufung auf Viktor Sokolow, Astronom an der russischen
Akademie der Wissenschaften. Gerhard Neukum (2008), Astrophysiker und
Asteroidenexperte an der Freien Universität Berlin, ist überzeugt, dass
Toutatis das Potential für eine globale Verwüstung hat und „auf jeden Fall“
irgendwann einschlagen wird, auch wenn es noch Millionen Jahre dauert.
☼ Der 200 bis 500 Meter große Felsbrocken 1996 JA1 schrammte am 19. Mai 1996
mit 450.000 km Abstand an der Erde vorbei. Entdeckt wurde der 90.000
Stundenkilometer schnelle Asteroid vier Tage zuvor. Hätte er sich um nur
wenige Stunden verspätet, wäre er auf die Erde gestürzt.
Bei einem Einschlag im Meer
würden Küstenregionen durch Dutzende Meter hohe Flutwellen verwüstet,
berichtete Jost Jahn, Sprecher der deutschen Amateurastronomen. Der
amerikanische Astronom Eugene Shoemaker äußerte hinsichtlich der
auftretenden Crash-Folgen: „Das ist so, als ob Sie alle amerikanischen und
russischen Atomraketen auf einen Haufen packen und zünden.“
☼ Im Mai 2001 passierte der ca. 1,5 Kilometer große Doppel-Asteroid 1999 KW4
die Erde in fünf Millionen km Entfernung. Der größere der zwei
Gesteinsbrocken benötigt knapp drei Stunden, um sich einmal um sich selbst
zu drehen; der kleinere kreist so schnell um ihn, dass er wie eine
Untertasse platt gedrückt ist.
Sollte der größere Brocken in
Folge der Erwärmung durch die Sonne die momentane Rotationsgeschwindigkeit
geringfügig erhöhen, könnte er auseinander brechen und zu einer potentiellen
Gefahr für die Erde werden, berichtete ein Forscherteam um Steven Ostro von
der Nasa und Daniel Scheeres von der University of Michigan. Auch gemäß
Hermann Böhnhardt vom Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung könnte
im Falle des Auseinanderbrechens die Kollisionswahrscheinlichkeit steigen.
Beim Auseinanderbrechen sei es durchaus möglich, dass die Fragmente die
bisherige Umlaufbahn verlassen würden. Der Doppel-Asteroid sollte deshalb
weiter erforscht werden.
☼ Am 7. Januar 2002 verfehlte der ca. 300 Meter große Steinasteroid 2001 YB5
die Erde mit einem Abstand, der knapp der doppelten Entfernung von Erde und
Mond entspricht. Erstmals gesichtet wurde er wenige Tage zuvor. Für die
Umrundung der Sonne benötigt der Brocken auf seiner elliptischen Flugbahn
1.321 Tage. Dabei kreuzt er die Bahnen von Mars, Erde, Venus und Merkur.
Bei einem Einschlag auf dem
Festland würde er einen Krater mit der Größe von einer Kleinstadt erzeugen
und im Umfeld von 800 km schwerwiegende Schäden anrichten. Die beim Impakt
freigesetzte Energie entspräche der Wucht mehrerer hundert Atombomben. Falls
ein Kernkraftwerk oder eine größere Chemieanlage getroffen würde, sei die
Gefahr für die Menschheit ungleich größer, bemerkte Christian Gritzner von
der Technischen Universität Dresden. Bei einem Einschlag im Meer würden
verheerende Flutwellen entstehen.
☼ Mit einem Abstand von 460.000 km raste der Asteroid 2002 EM7 am 8. März
2002 an der Erde vorbei. Das 50 Meter große Objekt näherte sich aus Richtung
Sonne und wurde erst nach dem Vorbeiflug bemerkt.
☼ Bis auf 120.000 km - der Mond ist dreimal weiter entfernt - näherte sich
am 14. Juni 2002 der 50 bis 120 Meter große Asteroid 2002 MN der Erde.
Entdeckt wurde er erst drei Tage nach dem Vorbeiflug. Wäre er sieben Stunden
vorher da gewesen bzw. wäre seine Bahn um 120.000 Kilometer versetzt
gewesen, hätte er die Erde getroffen und erhebliche lokale Schäden
verursacht. Ein Impakt würde Zerstörungen wie bei der Explosion einer
Atombombe anrichten.
☼ Der 400 bis 800 Meter große Asteroid 2002 NY40 passierte am 18. August
2002 die Erde in etwa 1,3-facher Monddistanz. Der Himmelskörper leuchtete in
der Nacht vom 17. auf den 18. August einige Stunden so hell, dass er mit
einfachen Instrumenten beobachtet werden konnte. Zukünftig wird er der Erde
noch öfter ziemlich nahe kommen – sowohl aus Sonnenrichtung als auch in
Richtung Sonne sich bewegend.
☼ Wie in einem „Katz-und-Maus-Spiel“ näherte sich im Januar 2003 der ca. 60
Meter große Felsbrocken 2002 AA29 bis auf sechs Millionen Kilometer der
Erde. Der Brocken fliegt in einem regelmäßigen Rhythmus von 95 Jahren nahezu
auf der gleichen Umlaufbahn um die Sonne wie die Erde – mal vor ihr, mal
hinter ihr. Dabei ändert sich unter dem Einfluss der Erdanziehungskraft
seine Geschwindigkeit. Das Szenario könnte sich noch Jahrhunderte
wiederholen, bemerkte sein Entdecker Paul Chodas.
☼ Einen weiteren erdnahen Asteroiden-Vorbeiflug gab es am 18. März 2004. In
nur 43.000 km Höhe, etwa 7.000 Kilometer oberhalb der Umlaufbahn
geostationärer Satelliten, flog das kosmische Objekt 2004 FH kurz vor
Mitternacht über dem Atlantik an der Erde vorbei. Wegen der Geschwindigkeit
von 28.000 Stundenkilometern hätte ein Einschlag beträchtliche Schäden
angerichtet.
Der Münsteraner Planetologe
Addi Bischoff wies darauf hin, dass bei einer Kollision ein 300 m großer
Krater entstehen würde. Bei einem Einschlag in einer Großstadt würden
Hunderttausende sterben. Gemäß Walter Flury vom ESA-Kontrollzentrum
Esoc in Darmstadt würde 2004 FH
bei einem Impakt die Sprengkraft von mehreren Hiroshima-Bomben entfalten.
Entdeckt wurde der Asteroid, als er sich von der Erde entfernte.
☼ Am 3. Juli 2006 raste der Asteroid 2004 XP14 in einem Abstand von 432.709
km frühmorgens über der amerikanischen Westküste vorbei. Der von Experten
auf 300 bis 920 Meter Größe geschätzte Brocken ist laut Radarbeobachtung ein
sich langsam drehendes, torkelndes Objekt (Benner 2006). Er zählt zur Gruppe
der vom Minor Planet Center in
Massachusetts aufgelisteten potentiell gefährlichen Asteroiden, die
zukünftig auf Kollisionskurs mit der Erde geraten können.
Die bei einem Aufprall
freigesetzte Energie lässt sich über das
Earth Impact Effects Program der
Universität von Arizona ermitteln: Bei 450 Meter Größe und porösem Material
entspräche die Aufprallenergie ca. 2.160 Megatonnen TNT bzw. 166.000
Hiroshima-Bomben; bei 900 Meter Größe wäre die Einschlagsenergie fast
verzehnfacht.
☼ Mit 537.500 km Abstand (1,4-facher Mondentfernung) flog der maximal 600
Meter große Asteroid 2007 TU24 am 29. Januar 2008 an der Erde vorbei.
Entdeckt wurde er wenige Monate vorher.
Unter Berücksichtigung
experimenteller Befunde, die von Wissenschaftlern des Freiburger
Ernst-Mach-Instituts bei Crashtests mit künstlichen Mini-Meteoriten in einer
Leichtgas-Beschleunigungsanlage ermittelt wurden, ist davon auszugehen, dass
der kosmische Brocken bei einem Einschlag auf der Erde einen Krater von
zwölf Kilometer Durchmesser und vier Kilometer Tiefe erzeugen würde, in dem
beispielsweise eine Stadt mit der Größe von Münster komplett verschwände.
☼ Der Doppel-Asteroid 2008 BT18 näherte sich am 14. Juli 2008 mit 45.000
Stundenkilometern in knapp sechsfacher Monddistanz der Erde. Der größere
Brocken wird auf 600 Meter, der kleinere Begleiter auf mindestens 200 Meter
geschätzt. Gemäß der US-Raumfahrtbehörde Nasa ist auf Basis der bislang
vorliegenden Beobachtungsdaten durchschnittlich jeder sechste Asteroid, der
sich der Erde nähert, ein Doppel-Asteroid.
☼ In 70.000 km Distanz raste der 21 mal 47 Meter große Brocken 2009 DD45 am
2. März 2009 an der Erde vorbei. Sollte das Bruchstück, das bei einer
Kollision im Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter entstand, aus Metall
bestehen, könnte es den Eintritt in die Erdatmosphäre überstehen und
einschlagen. Ist es hingegen aus Gestein, könnte es in der Erdatmosphäre
explodieren und gewaltige Schockwellen auslösen, deren Schaden größer wäre
als 1908 in Sibirien (Harris 2009). Lediglich drei Tage zuvor wurde der
Asteroid in Australien entdeckt.
Die vorgestellten Vorbeiflüge
kosmischer Objekte sind aus astronomischer Perspektive Streifschüsse. Sie
verweisen auf ein beobachtbares Gefahrenpotential, das im Roman
Luzifers
Hammer
von
den
Science-Fiction-Autoren Larry Niven und Jerry Pournelle sowie in Filmen wie
Armageddon, Deep Impact und
Meteor als Horrorszenario vorgestellt wurde,
naturwissenschaftlich-technisch aber erst ansatzweise erforscht ist und
unter Experten hoch kontrovers diskutiert wird. Über das exakte Ausmaß der
Impaktgefährdung des Planeten Erde besteht noch keine Einigkeit.
„Einige halten es schlicht für
undenkbar, dass in absehbarer Zeit ein Planetoid oder Komet auf die Erde
stürzen könnte. Andere wiederum halten das Risiko, durch den Einschlag eines
solchen Himmelskörpers ums Leben zu kommen, für größer als das, mit einem
Flugzeug abzustürzen“, charakterisierte der Planetenwissenschaftler Tom
Gehrels (1996) von der Universität von Arizona in Tucson die Dimension des
Gefahrenpotentials.
Am 30. Juni 1908 dürfte sich
frühmorgens im Osten Sibiriens ein Treffer ohne Vorwarnung ereignet haben.
Ein greller Lichtblitz erhellte den Himmel in der Gegend des Flusses
Steinige Tunguska und eine Druckwelle knickte schätzungsweise 60 Millionen
Bäume wie Streichhölzer um. Auf 2.000 Quadratkilometer war der Wald
sternförmig umgeknickt, beschreibt Gerhard Neukum (2008) das Inferno. Wie
ist es dazu gekommen?
Nach Ansicht von immer mehr
Experten wurde durch die Explosion eines 30 bis 80 Meter großen
Himmelskörpers in 5 bis 10 km Höhe, der in einem schrägen Winkel mit bis zu
70.000 Stundenkilometern in die Atmosphäre eindrang, die Sprengkraft von
einigen hundert Hiroshima-Bomben freigesetzt, wodurch ein kaum besiedeltes
Waldgebiet von knapp der Fläche des Saarlandes bzw. der doppelten Größe
Berlins verwüstet wurde. Bis in 60 km Entfernung zersprangen
Fensterscheiben, fielen Teller zu Boden, wurden Tiere und Menschen
umgeworfen oder durch die Luft geschleudert.
In Sibirien ging ein schwarzer
Regen nieder. Über Europa und Teilen Asiens leuchtete die untergehende Sonne
tief rosa und die drei folgenden Nächte waren heller. Wäre das kosmische
Geschoss fünf Stunden später eingetroffen, hätte auf Grund der Erdrotation
St. Petersburg in Schutt und Asche gelegen.
Auch kleinere Brocken wie der
vom britischen Amateur-Astronomen Richard Miles mit Hilfe des
Faulkes-Teleskops in Australien entdeckte, ca. 12 mal 24 Meter große, 5.000
Tonnen schwere Asteroid 2008 HJ, der sich alle 43 Sekunden einmal um die
eigene Achse dreht und im April 2008 in dreifacher Mond-Entfernung an der
Erde vorbeiwirbelte, können gefährlich sein, wenn sie mit großer
Bewegungsenergie durch die Erdatmosphäre rasen und die Reibungskräfte eine
gewaltige Hitze erzeugen. Der Gesteinsbrocken flacht dann zu einem
Pfannkuchen ab und explodiert. Sodann erreichen Energien mit der Sprengkraft
von bis zu 20 Millionen Tonnen TNT als Schock- und Hitzewellen die Erde. „In
besiedeltem Gebiet kann das eine Million Menschen das Leben kosten“,
erläuterte der Kernwaffen-Experte Mark Boslough (2007) von den Sandia
National Laboratories in Albuquerque das Ereignis.
Als am 15. September 2007 ein
nur ein bis zwei Meter großer Steinbrocken nahe der peruanischen Ortschaft
Carancas einschlug, riss er einen mindestens zwei Meter tiefen und über 14
Meter großen Krater in den Boden. Überraschend war, dass ein Steinmeteorit
dieser Größe die Erdatmosphäre passieren konnte und der Einschlag sich auf
die Gesundheit von Bewohnern in Kraternähe auswirkte. Hunderte Menschen
klagten über Atembeschwerden, Brechreiz, Schwindel und Kopfschmerzen;
Nutztiere verweigerten die Nahrungsaufnahme und ein Stier starb auf der
Weide. Als Ursache wurden Schwefel, Arsen und andere giftige Dämpfe
ermittelt, die bei dem Meteoriteneinschlag in den moorigen Hochgebirgsboden
frei gesetzt wurden.
Ein internationales
Expertenteam aus Südamerika, Kanada, Frankreich und den USA räumte 2008 in
der ersten wissenschaftlichen Publikation ein, dass durch das Ereignis die
bisherige Lehrmeinung über Meteoriten in Frage gestellt wurde. Es schrieb:
„Ganz anders als man eigentlich erwarten sollte, hat sich ein wenige Tonnen
schwerer Steinmeteorit beim Durchgang durch die Atmosphäre nicht zerlegt,
sondern hat stattdessen den Boden mit einer Geschwindigkeit erreicht, die
hoch genug war, um einen Impaktkrater zu erzeugen.“ Und weiter: „Auf der
Basis des Carancas-Ereignisses muss die Anwesenheit kleiner Krater auf der
Erde, aber auch auf dem Mars neu überdacht werden.“
Nach Kalkulation der Nasa
(2008) hat die Menschheit etwa alle 100 Jahre mit dem Einschlag eines ca. 50
Meter großen Stein- oder Eisenasteroiden zu rechnen. Gemäß Eberhard Faust
(2008) von der Münchener Rückversicherung,
die sich mit
Schadensfällen mit globalem Ausmaß befasst, könnten Impakte kosmischer
Geschosse, die bis zu 100 Meter groß sind, einmal in 300 Jahren stattfinden.
Dabei können über tausend Quadratkilometer verwüstet werden.
Gemäß Helle und Henrik Stub
(1996) können Brocken von 100 bis 200 Meter Größe ein Gebiet mit der Größe
von Dänemark verwüsten. Statistisch erfolgten derartige Einschläge in
Perioden von weniger als 1.000 Jahren.
Ein Impakt von 300 Meter großen
Weltalltrümmern findet ca. alle 20.000 bis 30.000 Jahre statt, äußert David
Morrison vom Ames Research Center
der Nasa in Mountain View (Kalifornien).
Ab einem Kilometer Durchmesser
ist nach Expertenansicht im Falle eines Einschlags mit globalen Zerstörungen
zu rechnen. Dies vertreten unter anderem der Planetenwissenschaftler Lance
Benner vom Jet Propulsion Laboratory
der Nasa und Kollegen sowie Forscher vom
National Space Science Centre im
englischen Leicester. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein solches Geschoss in
den nächsten 100 Jahren mit der Erde kollidiert, schwankt nach Berechnung
von Alan Harris vom Jet Propulsion
Laboratory zwischen 1:4000 und 1:8600.
Asteroiden mit über 1,5
Kilometer Durchmesser schlagen nach Stefan Deiters (1999), Herausgeber des
deutschsprachigen Online-Dienstes für Astronomie, Astrophysik und Raumfahrt,
etwa alle 100.000 bis eine Million Jahre auf der Erde ein.
Joachim Schüring (2001) zufolge
reicht ein Durchmesser von mehr als zehn Kilometer aus, um nahezu alles
Leben auf der Erde zu vernichten. Statistisch ist pro 500.000 bis 10
Millionen Jahre damit zu rechnen. Gemäß Alexander Stirn (2003) ereignet sich
der Impakt eines zehn Kilometer großen Himmelskörpers ca. alle 100 Millionen
Jahre.
Laut
Space.com (2009) besteht bei
20.000 Asteroiden und Kometen die Gefahr eines Einschlags auf der Erde. Von
diesen spürte die Nasa 6.330 Objekte auf. Lindley Johnson (2009) vermutet
etwa 1.000 Himmelskörper, die in Umlaufbahnen unterwegs sind, die zukünftig
ein Gefahrenpotential für die Erde darstellen. Alan Harris (2008) zufolge
könnte jeder Siebte bisher bekannte Asteroid mit erdnaher Flugbahn einmal
gefährlich werden.
Gemäß Hermann-Michael Hahn
(2009) hat das Minor Planet Center der
Internationalen Astronomischen Union rund 1.050 potentiell gefährliche
Asteroiden aufgelistet, die einen Durchmesser von mehr als 150 Meter
aufweisen und sich auf ihren Umlaufbahnen der Erde bis auf weniger als 7,5
Millionen Kilometer nähern können. Ihre Gesamtzahl wird je nach Modellansatz
auf bis zu 2.500 Objekte geschätzt.
Über die exakte Anzahl
potentiell gefährlicher Himmelskörper wird das Wissen ständig erweitert.
Beim Jupiter sind bereits über 2.000 Trojaner bekannt – Asteroiden, die
ihrem Planeten um 60 Grad voraus oder hinterher eilen. Neptun wird auf der
Umlaufbahn eventuell von zehntausenden Trojanern begleitet. Vier davon sind
60 bis 140 km groß. Möglicherweise übersteigt die Anzahl der Neptun-Trojaner
sogar die Anzahl der Asteroiden zwischen Mars und Jupiter, vermuten Scott
Sheppard von der Carnegie Institution of Washington und Chadwick Trujillo
vom Gemini Observatory auf Hawaii.
Jenseits von Neptun wurden
bisher über 50.000 Objekte mit Durchmessern von mehreren hundert Kilometern
entdeckt. Modellrechnungen gehen von über einer Milliarde Transneptunischen
Objekten (TNOs) aus. Werden auch die Gesteinsbrocken mit bis zu 100 Meter
Größe berücksichtigt, könnten etwa eine Billiarde TNOs den äußeren Rand des
Sonnensystems bevölkern (Chang et al. 2006).
Zwischen der Erde und der Sonne
kreisen ebenfalls kosmische Brocken, deren Flugbahnen irgendwann auf
Kollisionskurs geraten könnten. Da sie von der Erde aus nur schwer
auszukundschaften sind, wurden von den in dieser Region vermuteten tausend
Flugkörpern erst einige identifiziert (Seidler 2008).
Laut Simon Warden (2007) vom
Ames Research Center der Nasa
würde es etwa eine Milliarde Dollar kosten, um bis zum Jahr 2020 mindestens
90 Prozent der etwa 20.000 Himmelskörper zu finden, die der Erde einmal
gefährlich werden könnten.
Die kosmische Bedrohung der
Erde stößt auf das Interesse der Medien. So veröffentlichte
SPIEGEL Online am 14. Dezember 2006 ein Preisausschreiben, dessen
Text mit dem Hinweis auf einen bevorstehenden erdnahen Vorbeiflug begann. Es
wurde darauf hingewiesen: „Die Beinahe-Katastrophe wird an einem Freitag dem
Dreizehnten geschehen: Am 13. April 2029 um 4.36 Uhr deutscher Zeit, so
bisherige Berechnungen, rauscht der Asteroid ‚99942 Apophis’ atemberauschend
knapp an der Erde vorbei. Das 25 Millionen Tonnen schwere und rund 300 Meter
große Geschoss wird die Erde um etwa 30.000 Kilometer verfehlen. Für einen
kurzen Moment wird es dem Planeten näher sein als die Fernsehsatelliten im
geostationären Orbit.
Träfe der Brocken die Erde,
würde er dank seiner Geschwindigkeit von etwa 45.000 Kilometern pro Stunde
die Sprengkraft von 65.000 Hiroshima-Bomben entwickeln. Doch ‚Apophis’ wird
seinem Namen - dem des ägyptischen Gottes der Finsternis und Zerstörung -
nach bisherigen Berechnungen nicht gerecht werden, zumindest nicht im Jahr
2029.
Allerdings besteht eine Chance,
dass ‚Apophis’ bei seinem Vorbeiflug durch ein kleines, nur 600 Meter
breites ‚Schlüsselloch’ fliegt, wie Wissenschaftler der Nasa glauben. In
diesem Fall würde die Anziehungskraft der Erde die Bahn des Asteroiden so
verändern, dass er auf den Tag genau sieben Jahre später - am 13. April 2036
- mit der Erde kollidiert.“
Michael Odenwald berichtete am
19. September 2007 in FOCUS Online,
dass derzeit der Asteroid VD17 die Gefährderliste anführt. Er wies darauf
hin: „Nach Berechnungen von Experten der US-Raumfahrtbehörde Nasa könnte er
mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:1600 im Jahr 2102 auf unseren
Heimatplaneten stürzen. Mit einem geschätzten Durchmesser von 580 Metern
könnte er einen zehn Kilometer großen Krater schlagen – genug, um eine
Großstadt auszulöschen. Allerdings will die Nasa im Verein mit anderen
Organisationen die Erde und ihre Bewohner vor solchen Katastrophen schützen:
Bis 2008, dies trug ihr der US-Kongress auf, soll sie 90 Prozent der
erdnahen Asteroiden von über einem Kilometer Größe identifiziert haben. Auch
an Maßnahmen, diese Geschosse rechtzeitig abzufangen, wird in vielen
Forschungsinstituten weltweit emsig gebastelt.“
Auf das gleiche Ereignis bezog
sich auch ein von WELT Online am
08. Februar 2010 veröffentlichter Artikel von Richard Weitz. Die Einleitung
lautete: „Es ist ein Ereignis, das über die Existenz der Menschheit
entscheiden könnte: Der Asteroid Apophis wird ab 2029 die Bahn der Erde
mehrmals kreuzen. Er ist zwölfmal größer als das Objekt, das im Juni 1908
weite Teile Sibiriens in ein Inferno verwandelt hat. Forschern zufolge wird
es Zeit, der Gefahr ins Auge zu sehen.“
Am verlässlichsten und
aktuellsten werden die Ergebnisse der Asteroidenerkundung einschließlich der
Kollisionswahrscheinlichkeiten auf der Website des
Near Earth Object Programs der
Nasa aufgelistet. Im Juni 2010 betrug die Anzahl potentiell gefährlicher
Asteroiden mit über 150 Meter Größe, die sich der Erde zukünftig auf weniger
als 7,48 Millionen Kilometer nähern können, 1.138 Objekte.
Genannt werden beispielsweise die Vorbeiflüge des 130 Meter großen Objekts 2007 VK184 und des 560 Meter großen Asteroiden 1999 RQ36. Auf der Torino-Skala mit Gefahrenwerten von 0 (minimal) bis 10 (maximal) besitzt der Asteroid 2007 VK184 für den Zeitraum zwischen 2048 und 2057 die Stufe 1. Damit wird zum Ausdruck gebracht, dass die Einschlagswahrscheinlichkeit extrem gering oder null ist. Die übrigen Objekte wiesen den Wert 0 auf, was bedeutet: Es handelt sich um Asteroiden, welche die Erde in großer Nähe passieren und keine außergewöhnlich hohe Gefahr darstellen. Die bisherigen Berechnungen zeigen eine äußerst geringe Impaktwahrscheinlichkeit.
Für den Asteroiden 1999 RQ36 trifft dies bis zum Jahr 2060 zu. Doch zwischen 2060 und 2080 wird die Kollisionswahrscheinlichkeit sich vervierfachen. Für das Jahr 2182 ermittelte ein internationales Astronomenteam um Andrea Milani unter Einbeziehung des Strahlendrucks der Sonne sogar eine Einschlagswahrscheinlichkeit von 1:1000. Diese Neukalkulation wurde im Juli 2010 veröffentlicht.
Neben Asteroiden stellen auch
Kometen eine kosmische Bedrohung für die Erde dar. Bei der
geologisch-geophysikalischen Untersuchung erdgeschichtlicher Impakte sowie
bei der Auswertung von Beobachtungsdaten der Weltraumsonde
Stardust und anderer
Nasa-Missionen wurde deutlich, dass über die Herkunft, Entstehung,
Zusammensetzung und Weiterentwicklung sowie die heutigen Aufenthaltsregionen
und das Gefährdungspotential von Kometen neu nachgedacht werden sollte. In
der Kometenforschung findet derzeit ein genereller Paradigmenwechsel statt. Die traditionelle Abgrenzung zwischen Asteroiden und Kometen wird immer unschärfer.
So lässt etwa die Entdeckung
einer dünnen Reifschicht auf der Oberfläche des knapp 200 Kilometer großen
Asteroiden Themis die traditionelle Abgrenzung von Asteroiden und Kometen
zweifelhaft erscheinen. Zwei Forschergruppen fanden unabhängig voneinander
eine Eisschicht auf dem Asteroiden. Sie gehen davon aus, dass einige Meter
unter der Oberfläche von Themis sich Wassereis verbirgt und von dort stetig
ausgast (Emery et al. 2010; Rivkin et al. 2010).
Andererseits gibt es unter den Kometen in den frostigen Außenbezirken des Sonnensystems auch Kleinkörper, die gemäß früherer Lehrmeinung eigentlich dort nicht hingehören. Der Komet Hartley 2 etwa sieht von der Form und der Beschaffenheit her genauso aus wie der Asteroid Itokawa, bemerkt Thomas Müller (2010) vom Garchinger Max-Planck-Institut für Extraterrestrische Physik.
Die britischen Astronomen Bill
Napier und Janaki Wickramasinghe (Universität Cardiff) sowie David Asher
(nordirisches Armagh-Observatorium) warnen vor etwa 3.000 Dunklen Kometen in
den Außenbereichen des Sonnensystems, die doppelt so schnell wie Asteroiden
herumschwirren und auch der Erde gefährlich werden könnten. Da ihre
reflektierenden Eisschichten abgedampft sind, lassen sie sich mit Teleskopen
nur sehr schwer entdecken und überwachen. Beispielsweise wurde der 1983 in
Erdnähe vorbeirasende Komet IRAS-Araki-Alcock, dessen Oberfläche eine
Aktivität von einem Prozent aufweist, erst zwei Wochen vor der größten
Annäherung entdeckt.
Die Analyse der zeitlichen
Verteilung irdischer Einschlagskrater in den vergangenen 250 Millionen
Jahren legt Kometenschwärme nahe, die periodisch ins Sonnensystem
vordringen. Alle 35 bis 40 Millionen Jahre durchwandert das Sonnensystem
galaktische Regionen mit größerer Materiedichte. Während der Zeitspanne
verzehnfacht sich die Gefahr für Kometeneinschläge. Die nächste Periode
könnte schon bald beginnen.
Mit den möglichen Auswirkungen
von Impakten und Maßnahmen zu ihrer Vermeidung beschäftigt sich seit einigen
Jahren der an der John Moores Universität in Liverpool lehrende
Asteroidenforscher und Kulturwissenschaftler Benny Peiser. Er ist Mitglied
der Royal Astronomical Society und der britischen Spaceguardvereinigung
sowie Namensgeber des von der Internationalen Astronomischen Union benannten
Asteroiden Minor Planet (7107) Peiser mit zehn Kilometer Durchmesser.
Unter Berücksichtigung der
Impaktrate der zurückliegenden zehn Jahrtausende prognostizierte Benny
Peiser gegenüber Spiegel TV (2001)
für die nächsten 10.000 Jahre mindestens 300 Einschläge des „Tunguska-Typs“
sowie vier massive Impakte größerer Himmelskörper an Land und zwölf im Meer.
Dadurch würden insgesamt etwa 20 Millionen Menschen ums Leben kommen. Schon
durch einen einzigen Treffer könnten Hunderttausende sterben.
Aus den vorgestellten
Forschungsergebnissen zur Einschlagsgefährdung des Planeten Erde resultiert,
dass das Impaktrisiko nicht länger ignoriert, verharmlost und/oder verdrängt
werden sollte. Die verantwortlichen Experten aus Naturwissenschaft, Technik,
Wirtschaft und Politik sollten die erforderlichen Maßnahmen zur
vollständigen Erkundung und exakten Überwachung gefährlicher Objekte aus dem
All verwirklichen sowie die Entwicklung und praktische Erprobung effizienter
Abwehrstrategien möglichst schnell gewährleisten.
„Wir wissen, dass es in der
Vergangenheit passiert ist. Und wir wissen, dass es wieder passieren wird“,
betont Alan Harris (2008), „wir können uns nur schützen, indem wir die
Objekte beobachten.“
Experten der
Association of Space Explorers (ASE) forderten 2008 daher die
Einrichtung eines globalen Forschungs-, Informations- und Abwehrnetzes unter
der Führung der Vereinten Nationen (UN).
Michael Khan (2008) von der ESA
geht davon aus, dass eine Vorwarnzeit von 10 bis 20 Jahren genügen dürfte,
um eine Rettungsmission erfolgreich durchzuführen.
Bei der Entwicklung von
Abwehrstrategien gegen Erdbahnkreuzer auf Kollisionskurs ist zu
berücksichtigen, dass es idealtypische Kometen und Asteroiden nicht gibt.
Lance Benner (2006) bemerkt zur Verschiedenartigkeit von Asteroiden: „Die
Radarbeobachtungen zeigen, dass jeder Asteroid anders ist. Manche drehen
sich schnell, andere ganz langsam. Manche sind fast kugelförmig, andere ganz
lang gestreckt, manche haben einen Mond, andere nicht. Obwohl wir bisher
schon fast 200 Asteroiden beobachtet haben, entdecken wir immer noch etwas
Neues.“ Je nach Größe, Form, Material, Drehbewegung, Bahn, Entfernung und
Geschwindigkeit des Objekts ist anders vorzugehen.
Das für alle Erdbewohner
überlebensrelevante Projekt zur Impaktabwehr ist nicht im nationalen
Alleingang, sondern nur international realisierbar. Experten, denen eine
impaktfreie Zukunft der Menschheit und der übrigen Lebewesen des Blauen
Planeten am Herzen liegt, sollten sich ihrer enormen Verantwortung bewusst
sein und die notwendigen Schritte realisieren. Was die heutige Technik zur
Erkundung, Überwachung und Abwehr von kosmischen Geschossen anbietet, sollte
nicht nur auf dem Papier stehen und in Hollywood-Filmen gezeigt werden,
sondern auch faktisch umgesetzt werden.