Streifschüsse kosmischer Brocken

 

Erdnahe Vorbeiflüge von Asteroiden und Kometen sind ein natürliches Ereignis, das seit Jahrtausenden beobachtet, analysiert und kommentiert wird. Sie verweisen augenfällig auf die Impaktgefährdung des Planeten Erde.
Seit 1989 rasten die folgenden Objekte aus dem All dicht an der Erde vorbei:
☼ Der 400 Meter große Asteroid namens 4581 Asclepius passierte am 22. März 1989 den Blauen Planeten mit 640.000 km Abstand. Dies entspricht der 1,7-fachen Distanz von Erde und Mond. Mit 70.000 Stundenkilometern und einer zeitlichen Differenz von sechs Stunden kreuzte der kosmische Brocken die Erdbahn. Erstmals gesichtet wurde er eine Woche nach dem Vorbeiflug.
☼ Etwa alle vier Jahre nähert sich der ca. 4,6 Kilometer große, nach einem gallischen Stammesgott benannte Asteroid 4179 Toutatis der Erde. Auffallend ist die Eigendrehung des kartoffelförmigen Objektes: Es rotiert nicht um eine, sondern um zwei Achsen, wodurch die Bewegung torkelnd wirkt. Im Jahr 1992 flog Toutatis in einer Entfernung von 3.600.000 km an der Erde vorbei. 2004 passierte er mit 1.549.000 km Abstand, was etwa der vierfachen Distanz von Erde und Mond entspricht.
Bei einem Impakt würde Toutatis jegliche Zivilisation auslöschen, kommentierte die Nachrichtenagentur Interfax 1996 den Vorbeiflug des Asteroiden unter Berufung auf Viktor Sokolow, Astronom an der russischen Akademie der Wissenschaften. Gerhard Neukum (2008), Astrophysiker und Asteroidenexperte an der Freien Universität Berlin, ist überzeugt, dass Toutatis das Potential für eine globale Verwüstung hat und „auf jeden Fall“ irgendwann einschlagen wird, auch wenn es noch Millionen Jahre dauert.
☼ Der 200 bis 500 Meter große Felsbrocken 1996 JA1 schrammte am 19. Mai 1996 mit 450.000 km Abstand an der Erde vorbei. Entdeckt wurde der 90.000 Stundenkilometer schnelle Asteroid vier Tage zuvor. Hätte er sich um nur wenige Stunden verspätet, wäre er auf die Erde gestürzt.
Bei einem Einschlag im Meer würden Küstenregionen durch Dutzende Meter hohe Flutwellen verwüstet, berichtete Jost Jahn, Sprecher der deutschen Amateurastronomen. Der amerikanische Astronom Eugene Shoemaker äußerte hinsichtlich der auftretenden Crash-Folgen: „Das ist so, als ob Sie alle amerikanischen und russischen Atomraketen auf einen Haufen packen und zünden.“
☼ Im Mai 2001 passierte der ca. 1,5 Kilometer große Doppel-Asteroid 1999 KW4 die Erde in fünf Millionen km Entfernung. Der größere der zwei Gesteinsbrocken benötigt knapp drei Stunden, um sich einmal um sich selbst zu drehen; der kleinere kreist so schnell um ihn, dass er wie eine Untertasse platt gedrückt ist.
Sollte der größere Brocken in Folge der Erwärmung durch die Sonne die momentane Rotationsgeschwindigkeit geringfügig erhöhen, könnte er auseinander brechen und zu einer potentiellen Gefahr für die Erde werden, berichtete ein Forscherteam um Steven Ostro von der Nasa und Daniel Scheeres von der University of Michigan. Auch gemäß Hermann Böhnhardt vom Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung könnte im Falle des Auseinanderbrechens die Kollisionswahrscheinlichkeit steigen. Beim Auseinanderbrechen sei es durchaus möglich, dass die Fragmente die bisherige Umlaufbahn verlassen würden. Der Doppel-Asteroid sollte deshalb weiter erforscht werden.
☼ Am 7. Januar 2002 verfehlte der ca. 300 Meter große Steinasteroid 2001 YB5 die Erde mit einem Abstand, der knapp der doppelten Entfernung von Erde und Mond entspricht. Erstmals gesichtet wurde er wenige Tage zuvor. Für die Umrundung der Sonne benötigt der Brocken auf seiner elliptischen Flugbahn 1.321 Tage. Dabei kreuzt er die Bahnen von Mars, Erde, Venus und Merkur.
Bei einem Einschlag auf dem Festland würde er einen Krater mit der Größe von einer Kleinstadt erzeugen und im Umfeld von 800 km schwerwiegende Schäden anrichten. Die beim Impakt freigesetzte Energie entspräche der Wucht mehrerer hundert Atombomben. Falls ein Kernkraftwerk oder eine größere Chemieanlage getroffen würde, sei die Gefahr für die Menschheit ungleich größer, bemerkte Christian Gritzner von der Technischen Universität Dresden. Bei einem Einschlag im Meer würden verheerende Flutwellen entstehen.
☼ Mit einem Abstand von 460.000 km raste der Asteroid 2002 EM7 am 8. März 2002 an der Erde vorbei. Das 50 Meter große Objekt näherte sich aus Richtung Sonne und wurde erst nach dem Vorbeiflug bemerkt.
☼ Bis auf 120.000 km - der Mond ist dreimal weiter entfernt - näherte sich am 14. Juni 2002 der 50 bis 120 Meter große Asteroid 2002 MN der Erde. Entdeckt wurde er erst drei Tage nach dem Vorbeiflug. Wäre er sieben Stunden vorher da gewesen bzw. wäre seine Bahn um 120.000 Kilometer versetzt gewesen, hätte er die Erde getroffen und erhebliche lokale Schäden verursacht. Ein Impakt würde Zerstörungen wie bei der Explosion einer Atombombe anrichten.
☼ Der 400 bis 800 Meter große Asteroid 2002 NY40 passierte am 18. August 2002 die Erde in etwa 1,3-facher Monddistanz. Der Himmelskörper leuchtete in der Nacht vom 17. auf den 18. August einige Stunden so hell, dass er mit einfachen Instrumenten beobachtet werden konnte. Zukünftig wird er der Erde noch öfter ziemlich nahe kommen – sowohl aus Sonnenrichtung als auch in Richtung Sonne sich bewegend.
☼ Wie in einem „Katz-und-Maus-Spiel“ näherte sich im Januar 2003 der ca. 60 Meter große Felsbrocken 2002 AA29 bis auf sechs Millionen Kilometer der Erde. Der Brocken fliegt in einem regelmäßigen Rhythmus von 95 Jahren nahezu auf der gleichen Umlaufbahn um die Sonne wie die Erde – mal vor ihr, mal hinter ihr. Dabei ändert sich unter dem Einfluss der Erdanziehungskraft seine Geschwindigkeit. Das Szenario könnte sich noch Jahrhunderte wiederholen, bemerkte sein Entdecker Paul Chodas.
☼ Einen weiteren erdnahen Asteroiden-Vorbeiflug gab es am 18. März 2004. In nur 43.000 km Höhe, etwa 7.000 Kilometer oberhalb der Umlaufbahn geostationärer Satelliten, flog das kosmische Objekt 2004 FH kurz vor Mitternacht über dem Atlantik an der Erde vorbei. Wegen der Geschwindigkeit von 28.000 Stundenkilometern hätte ein Einschlag beträchtliche Schäden angerichtet.
Der Münsteraner Planetologe Addi Bischoff wies darauf hin, dass bei einer Kollision ein 300 m großer Krater entstehen würde. Bei einem Einschlag in einer Großstadt würden Hunderttausende sterben. Gemäß Walter Flury vom ESA-Kontrollzentrum Esoc in Darmstadt würde 2004 FH bei einem Impakt die Sprengkraft von mehreren Hiroshima-Bomben entfalten. Entdeckt wurde der Asteroid, als er sich von der Erde entfernte.
☼ Am 3. Juli 2006 raste der Asteroid 2004 XP14 in einem Abstand von 432.709 km frühmorgens über der amerikanischen Westküste vorbei. Der von Experten auf 300 bis 920 Meter Größe geschätzte Brocken ist laut Radarbeobachtung ein sich langsam drehendes, torkelndes Objekt (Benner 2006). Er zählt zur Gruppe der vom Minor Planet Center in Massachusetts aufgelisteten potentiell gefährlichen Asteroiden, die zukünftig auf Kollisionskurs mit der Erde geraten können.
Die bei einem Aufprall freigesetzte Energie lässt sich über das Earth Impact Effects Program der Universität von Arizona ermitteln: Bei 450 Meter Größe und porösem Material entspräche die Aufprallenergie ca. 2.160 Megatonnen TNT bzw. 166.000 Hiroshima-Bomben; bei 900 Meter Größe wäre die Einschlagsenergie fast verzehnfacht.
☼ Mit 537.500 km Abstand (1,4-facher Mondentfernung) flog der maximal 600 Meter große Asteroid 2007 TU24 am 29. Januar 2008 an der Erde vorbei. Entdeckt wurde er wenige Monate vorher.
Unter Berücksichtigung experimenteller Befunde, die von Wissenschaftlern des Freiburger Ernst-Mach-Instituts bei Crashtests mit künstlichen Mini-Meteoriten in einer Leichtgas-Beschleunigungsanlage ermittelt wurden, ist davon auszugehen, dass der kosmische Brocken bei einem Einschlag auf der Erde einen Krater von zwölf Kilometer Durchmesser und vier Kilometer Tiefe erzeugen würde, in dem beispielsweise eine Stadt mit der Größe von Münster komplett verschwände.
☼ Der Doppel-Asteroid 2008 BT18 näherte sich am 14. Juli 2008 mit 45.000 Stundenkilometern in knapp sechsfacher Monddistanz der Erde. Der größere Brocken wird auf 600 Meter, der kleinere Begleiter auf mindestens 200 Meter geschätzt. Gemäß der US-Raumfahrtbehörde Nasa ist auf Basis der bislang vorliegenden Beobachtungsdaten durchschnittlich jeder sechste Asteroid, der sich der Erde nähert, ein Doppel-Asteroid.
☼ In 70.000 km Distanz raste der 21 mal 47 Meter große Brocken 2009 DD45 am 2. März 2009 an der Erde vorbei. Sollte das Bruchstück, das bei einer Kollision im Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter entstand, aus Metall bestehen, könnte es den Eintritt in die Erdatmosphäre überstehen und einschlagen. Ist es hingegen aus Gestein, könnte es in der Erdatmosphäre explodieren und gewaltige Schockwellen auslösen, deren Schaden größer wäre als 1908 in Sibirien (Harris 2009). Lediglich drei Tage zuvor wurde der Asteroid in Australien entdeckt.
Die vorgestellten Vorbeiflüge kosmischer Objekte sind aus astronomischer Perspektive Streifschüsse. Sie verweisen auf ein beobachtbares Gefahrenpotential, das im Roman Luzifers Hammer von den Science-Fiction-Autoren Larry Niven und Jerry Pournelle sowie in Filmen wie Armageddon, Deep Impact und Meteor als Horrorszenario vorgestellt wurde, naturwissenschaftlich-technisch aber erst ansatzweise erforscht ist und unter Experten hoch kontrovers diskutiert wird. Über das exakte Ausmaß der Impaktgefährdung des Planeten Erde besteht noch keine Einigkeit.
„Einige halten es schlicht für undenkbar, dass in absehbarer Zeit ein Planetoid oder Komet auf die Erde stürzen könnte. Andere wiederum halten das Risiko, durch den Einschlag eines solchen Himmelskörpers ums Leben zu kommen, für größer als das, mit einem Flugzeug abzustürzen“, charakterisierte der Planetenwissenschaftler Tom Gehrels (1996) von der Universität von Arizona in Tucson die Dimension des Gefahrenpotentials.
Am 30. Juni 1908 dürfte sich frühmorgens im Osten Sibiriens ein Treffer ohne Vorwarnung ereignet haben. Ein greller Lichtblitz erhellte den Himmel in der Gegend des Flusses Steinige Tunguska und eine Druckwelle knickte schätzungsweise 60 Millionen Bäume wie Streichhölzer um. Auf 2.000 Quadratkilometer war der Wald sternförmig umgeknickt, beschreibt Gerhard Neukum (2008) das Inferno. Wie ist es dazu gekommen?
Nach Ansicht von immer mehr Experten wurde durch die Explosion eines 30 bis 80 Meter großen Himmelskörpers in 5 bis 10 km Höhe, der in einem schrägen Winkel mit bis zu 70.000 Stundenkilometern in die Atmosphäre eindrang, die Sprengkraft von einigen hundert Hiroshima-Bomben freigesetzt, wodurch ein kaum besiedeltes Waldgebiet von knapp der Fläche des Saarlandes bzw. der doppelten Größe Berlins verwüstet wurde. Bis in 60 km Entfernung zersprangen Fensterscheiben, fielen Teller zu Boden, wurden Tiere und Menschen umgeworfen oder durch die Luft geschleudert.
In Sibirien ging ein schwarzer Regen nieder. Über Europa und Teilen Asiens leuchtete die untergehende Sonne tief rosa und die drei folgenden Nächte waren heller. Wäre das kosmische Geschoss fünf Stunden später eingetroffen, hätte auf Grund der Erdrotation St. Petersburg in Schutt und Asche gelegen.
Auch kleinere Brocken wie der vom britischen Amateur-Astronomen Richard Miles mit Hilfe des Faulkes-Teleskops in Australien entdeckte, ca. 12 mal 24 Meter große, 5.000 Tonnen schwere Asteroid 2008 HJ, der sich alle 43 Sekunden einmal um die eigene Achse dreht und im April 2008 in dreifacher Mond-Entfernung an der Erde vorbeiwirbelte, können gefährlich sein, wenn sie mit großer Bewegungsenergie durch die Erdatmosphäre rasen und die Reibungskräfte eine gewaltige Hitze erzeugen. Der Gesteinsbrocken flacht dann zu einem Pfannkuchen ab und explodiert. Sodann erreichen Energien mit der Sprengkraft von bis zu 20 Millionen Tonnen TNT als Schock- und Hitzewellen die Erde. „In besiedeltem Gebiet kann das eine Million Menschen das Leben kosten“, erläuterte der Kernwaffen-Experte Mark Boslough (2007) von den Sandia National Laboratories in Albuquerque das Ereignis.
Als am 15. September 2007 ein nur ein bis zwei Meter großer Steinbrocken nahe der peruanischen Ortschaft Carancas einschlug, riss er einen mindestens zwei Meter tiefen und über 14 Meter großen Krater in den Boden. Überraschend war, dass ein Steinmeteorit dieser Größe die Erdatmosphäre passieren konnte und der Einschlag sich auf die Gesundheit von Bewohnern in Kraternähe auswirkte. Hunderte Menschen klagten über Atembeschwerden, Brechreiz, Schwindel und Kopfschmerzen; Nutztiere verweigerten die Nahrungsaufnahme und ein Stier starb auf der Weide. Als Ursache wurden Schwefel, Arsen und andere giftige Dämpfe ermittelt, die bei dem Meteoriteneinschlag in den moorigen Hochgebirgsboden frei gesetzt wurden.
Ein internationales Expertenteam aus Südamerika, Kanada, Frankreich und den USA räumte 2008 in der ersten wissenschaftlichen Publikation ein, dass durch das Ereignis die bisherige Lehrmeinung über Meteoriten in Frage gestellt wurde. Es schrieb: „Ganz anders als man eigentlich erwarten sollte, hat sich ein wenige Tonnen schwerer Steinmeteorit beim Durchgang durch die Atmosphäre nicht zerlegt, sondern hat stattdessen den Boden mit einer Geschwindigkeit erreicht, die hoch genug war, um einen Impaktkrater zu erzeugen.“ Und weiter: „Auf der Basis des Carancas-Ereignisses muss die Anwesenheit kleiner Krater auf der Erde, aber auch auf dem Mars neu überdacht werden.“
Nach Kalkulation der Nasa (2008) hat die Menschheit etwa alle 100 Jahre mit dem Einschlag eines ca. 50 Meter großen Stein- oder Eisenasteroiden zu rechnen. Gemäß Eberhard Faust (2008) von der Münchener Rückversicherung, die sich mit Schadensfällen mit globalem Ausmaß befasst, könnten Impakte kosmischer Geschosse, die bis zu 100 Meter groß sind, einmal in 300 Jahren stattfinden. Dabei können über tausend Quadratkilometer verwüstet werden.
Gemäß Helle und Henrik Stub (1996) können Brocken von 100 bis 200 Meter Größe ein Gebiet mit der Größe von Dänemark verwüsten. Statistisch erfolgten derartige Einschläge in Perioden von weniger als 1.000 Jahren.
Ein Impakt von 300 Meter großen Weltalltrümmern findet ca. alle 20.000 bis 30.000 Jahre statt, äußert David Morrison vom Ames Research Center der Nasa in Mountain View (Kalifornien).
Ab einem Kilometer Durchmesser ist nach Expertenansicht im Falle eines Einschlags mit globalen Zerstörungen zu rechnen. Dies vertreten unter anderem der Planetenwissenschaftler Lance Benner vom Jet Propulsion Laboratory der Nasa und Kollegen sowie Forscher vom National Space Science Centre im englischen Leicester. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein solches Geschoss in den nächsten 100 Jahren mit der Erde kollidiert, schwankt nach Berechnung von Alan Harris vom Jet Propulsion Laboratory zwischen 1:4000 und 1:8600.
Asteroiden mit über 1,5 Kilometer Durchmesser schlagen nach Stefan Deiters (1999), Herausgeber des deutschsprachigen Online-Dienstes für Astronomie, Astrophysik und Raumfahrt, etwa alle 100.000 bis eine Million Jahre auf der Erde ein.
Joachim Schüring (2001) zufolge reicht ein Durchmesser von mehr als zehn Kilometer aus, um nahezu alles Leben auf der Erde zu vernichten. Statistisch ist pro 500.000 bis 10 Millionen Jahre damit zu rechnen. Gemäß Alexander Stirn (2003) ereignet sich der Impakt eines zehn Kilometer großen Himmelskörpers ca. alle 100 Millionen Jahre.
Laut Space.com (2009) besteht bei 20.000 Asteroiden und Kometen die Gefahr eines Einschlags auf der Erde. Von diesen spürte die Nasa 6.330 Objekte auf. Lindley Johnson (2009) vermutet etwa 1.000 Himmelskörper, die in Umlaufbahnen unterwegs sind, die zukünftig ein Gefahrenpotential für die Erde darstellen. Alan Harris (2008) zufolge könnte jeder Siebte bisher bekannte Asteroid mit erdnaher Flugbahn einmal gefährlich werden.
Gemäß Hermann-Michael Hahn (2009) hat das Minor Planet Center der Internationalen Astronomischen Union rund 1.050 potentiell gefährliche Asteroiden aufgelistet, die einen Durchmesser von mehr als 150 Meter aufweisen und sich auf ihren Umlaufbahnen der Erde bis auf weniger als 7,5 Millionen Kilometer nähern können. Ihre Gesamtzahl wird je nach Modellansatz auf bis zu 2.500 Objekte geschätzt.
Über die exakte Anzahl potentiell gefährlicher Himmelskörper wird das Wissen ständig erweitert. Beim Jupiter sind bereits über 2.000 Trojaner bekannt – Asteroiden, die ihrem Planeten um 60 Grad voraus oder hinterher eilen. Neptun wird auf der Umlaufbahn eventuell von zehntausenden Trojanern begleitet. Vier davon sind 60 bis 140 km groß. Möglicherweise übersteigt die Anzahl der Neptun-Trojaner sogar die Anzahl der Asteroiden zwischen Mars und Jupiter, vermuten Scott Sheppard von der Carnegie Institution of Washington und Chadwick Trujillo vom Gemini Observatory auf Hawaii.
Jenseits von Neptun wurden bisher über 50.000 Objekte mit Durchmessern von mehreren hundert Kilometern entdeckt. Modellrechnungen gehen von über einer Milliarde Transneptunischen Objekten (TNOs) aus. Werden auch die Gesteinsbrocken mit bis zu 100 Meter Größe berücksichtigt, könnten etwa eine Billiarde TNOs den äußeren Rand des Sonnensystems bevölkern (Chang et al. 2006).
Zwischen der Erde und der Sonne kreisen ebenfalls kosmische Brocken, deren Flugbahnen irgendwann auf Kollisionskurs geraten könnten. Da sie von der Erde aus nur schwer auszukundschaften sind, wurden von den in dieser Region vermuteten tausend Flugkörpern erst einige identifiziert (Seidler 2008).
Laut Simon Warden (2007) vom Ames Research Center der Nasa würde es etwa eine Milliarde Dollar kosten, um bis zum Jahr 2020 mindestens 90 Prozent der etwa 20.000 Himmelskörper zu finden, die der Erde einmal gefährlich werden könnten.
Die kosmische Bedrohung der Erde stößt auf das Interesse der Medien. So veröffentlichte SPIEGEL Online am 14. Dezember 2006 ein Preisausschreiben, dessen Text mit dem Hinweis auf einen bevorstehenden erdnahen Vorbeiflug begann. Es wurde darauf hingewiesen: „Die Beinahe-Katastrophe wird an einem Freitag dem Dreizehnten geschehen: Am 13. April 2029 um 4.36 Uhr deutscher Zeit, so bisherige Berechnungen, rauscht der Asteroid ‚99942 Apophis’ atemberauschend knapp an der Erde vorbei. Das 25 Millionen Tonnen schwere und rund 300 Meter große Geschoss wird die Erde um etwa 30.000 Kilometer verfehlen. Für einen kurzen Moment wird es dem Planeten näher sein als die Fernsehsatelliten im geostationären Orbit.
Träfe der Brocken die Erde, würde er dank seiner Geschwindigkeit von etwa 45.000 Kilometern pro Stunde die Sprengkraft von 65.000 Hiroshima-Bomben entwickeln. Doch ‚Apophis’ wird seinem Namen - dem des ägyptischen Gottes der Finsternis und Zerstörung - nach bisherigen Berechnungen nicht gerecht werden, zumindest nicht im Jahr 2029.
Allerdings besteht eine Chance, dass ‚Apophis’ bei seinem Vorbeiflug durch ein kleines, nur 600 Meter breites ‚Schlüsselloch’ fliegt, wie Wissenschaftler der Nasa glauben. In diesem Fall würde die Anziehungskraft der Erde die Bahn des Asteroiden so verändern, dass er auf den Tag genau sieben Jahre später - am 13. April 2036 - mit der Erde kollidiert.“
Michael Odenwald berichtete am 19. September 2007 in FOCUS Online, dass derzeit der Asteroid VD17 die Gefährderliste anführt. Er wies darauf hin: „Nach Berechnungen von Experten der US-Raumfahrtbehörde Nasa könnte er mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:1600 im Jahr 2102 auf unseren Heimatplaneten stürzen. Mit einem geschätzten Durchmesser von 580 Metern könnte er einen zehn Kilometer großen Krater schlagen – genug, um eine Großstadt auszulöschen. Allerdings will die Nasa im Verein mit anderen Organisationen die Erde und ihre Bewohner vor solchen Katastrophen schützen: Bis 2008, dies trug ihr der US-Kongress auf, soll sie 90 Prozent der erdnahen Asteroiden von über einem Kilometer Größe identifiziert haben. Auch an Maßnahmen, diese Geschosse rechtzeitig abzufangen, wird in vielen Forschungsinstituten weltweit emsig gebastelt.“
Auf das gleiche Ereignis bezog sich auch ein von WELT Online am 08. Februar 2010 veröffentlichter Artikel von Richard Weitz. Die Einleitung lautete: „Es ist ein Ereignis, das über die Existenz der Menschheit entscheiden könnte: Der Asteroid Apophis wird ab 2029 die Bahn der Erde mehrmals kreuzen. Er ist zwölfmal größer als das Objekt, das im Juni 1908 weite Teile Sibiriens in ein Inferno verwandelt hat. Forschern zufolge wird es Zeit, der Gefahr ins Auge zu sehen.“
Am verlässlichsten und aktuellsten werden die Ergebnisse der Asteroidenerkundung einschließlich der Kollisionswahrscheinlichkeiten auf der Website des Near Earth Object Programs der Nasa aufgelistet. Im Juni 2010 betrug die Anzahl potentiell gefährlicher Asteroiden mit über 150 Meter Größe, die sich der Erde zukünftig auf weniger als 7,48 Millionen Kilometer nähern können, 1.138 Objekte.
Genannt werden beispielsweise die Vorbeiflüge des 130 Meter großen Objekts 2007 VK184 und des 560 Meter großen Asteroiden 1999 RQ36. Auf der Torino-Skala mit Gefahrenwerten von 0 (minimal) bis 10 (maximal) besitzt der Asteroid 2007 VK184 für den Zeitraum zwischen 2048 und 2057 die Stufe 1. Damit wird zum Ausdruck gebracht, dass die Einschlagswahrscheinlichkeit extrem gering oder null ist. Die übrigen Objekte wiesen den Wert 0 auf, was bedeutet: Es handelt sich um Asteroiden, welche die Erde in großer Nähe passieren und keine außergewöhnlich hohe Gefahr darstellen. Die bisherigen Berechnungen zeigen eine äußerst geringe Impaktwahrscheinlichkeit.
Für den Asteroiden 1999 RQ36 trifft dies bis zum Jahr 2060 zu. Doch zwischen 2060 und 2080 wird die Kollisionswahrscheinlichkeit sich vervierfachen. Für das Jahr 2182 ermittelte ein internationales Astronomenteam um Andrea Milani unter Einbeziehung des Strahlendrucks der Sonne sogar eine Einschlagswahrscheinlichkeit von 1:1000. Diese Neukalkulation wurde im Juli 2010 veröffentlicht.

Neben Asteroiden stellen auch Kometen eine kosmische Bedrohung für die Erde dar. Bei der geologisch-geophysikalischen Untersuchung erdgeschichtlicher Impakte sowie bei der Auswertung von Beobachtungsdaten der Weltraumsonde Stardust und anderer Nasa-Missionen wurde deutlich, dass über die Herkunft, Entstehung, Zusammensetzung und Weiterentwicklung sowie die heutigen Aufenthaltsregionen und das Gefährdungspotential von Kometen neu nachgedacht werden sollte. In der Kometenforschung findet derzeit ein genereller Paradigmenwechsel statt. Die traditionelle Abgrenzung zwischen Asteroiden und Kometen wird immer unschärfer.
So lässt etwa die Entdeckung einer dünnen Reifschicht auf der Oberfläche des knapp 200 Kilometer großen Asteroiden Themis die traditionelle Abgrenzung von Asteroiden und Kometen zweifelhaft erscheinen. Zwei Forschergruppen fanden unabhängig voneinander eine Eisschicht auf dem Asteroiden. Sie gehen davon aus, dass einige Meter unter der Oberfläche von Themis sich Wassereis verbirgt und von dort stetig ausgast (Emery et al. 2010; Rivkin et al. 2010).
Andererseits gibt es unter den Kometen in den frostigen Außenbezirken des Sonnensystems auch Kleinkörper, die gemäß früherer Lehrmeinung eigentlich dort nicht hingehören. Der Komet Hartley 2 etwa sieht von der Form und der Beschaffenheit her genauso aus wie der Asteroid Itokawa, bemerkt Thomas Müller (2010) vom Garchinger Max-Planck-Institut für Extraterrestrische Physik.
Die britischen Astronomen Bill Napier und Janaki Wickramasinghe (Universität Cardiff) sowie David Asher (nordirisches Armagh-Observatorium) warnen vor etwa 3.000 Dunklen Kometen in den Außenbereichen des Sonnensystems, die doppelt so schnell wie Asteroiden herumschwirren und auch der Erde gefährlich werden könnten. Da ihre reflektierenden Eisschichten abgedampft sind, lassen sie sich mit Teleskopen nur sehr schwer entdecken und überwachen. Beispielsweise wurde der 1983 in Erdnähe vorbeirasende Komet IRAS-Araki-Alcock, dessen Oberfläche eine Aktivität von einem Prozent aufweist, erst zwei Wochen vor der größten Annäherung entdeckt.

Die Analyse der zeitlichen Verteilung irdischer Einschlagskrater in den vergangenen 250 Millionen Jahren legt Kometenschwärme nahe, die periodisch ins Sonnensystem vordringen. Alle 35 bis 40 Millionen Jahre durchwandert das Sonnensystem galaktische Regionen mit größerer Materiedichte. Während der Zeitspanne verzehnfacht sich die Gefahr für Kometeneinschläge. Die nächste Periode könnte schon bald beginnen.
Mit den möglichen Auswirkungen von Impakten und Maßnahmen zu ihrer Vermeidung beschäftigt sich seit einigen Jahren der an der John Moores Universität in Liverpool lehrende Asteroidenforscher und Kulturwissenschaftler Benny Peiser. Er ist Mitglied der Royal Astronomical Society und der britischen Spaceguardvereinigung sowie Namensgeber des von der Internationalen Astronomischen Union benannten Asteroiden Minor Planet (7107) Peiser mit zehn Kilometer Durchmesser.
Unter Berücksichtigung der Impaktrate der zurückliegenden zehn Jahrtausende prognostizierte Benny Peiser gegenüber Spiegel TV (2001) für die nächsten 10.000 Jahre mindestens 300 Einschläge des „Tunguska-Typs“ sowie vier massive Impakte größerer Himmelskörper an Land und zwölf im Meer. Dadurch würden insgesamt etwa 20 Millionen Menschen ums Leben kommen. Schon durch einen einzigen Treffer könnten Hunderttausende sterben.
Aus den vorgestellten Forschungsergebnissen zur Einschlagsgefährdung des Planeten Erde resultiert, dass das Impaktrisiko nicht länger ignoriert, verharmlost und/oder verdrängt werden sollte. Die verantwortlichen Experten aus Naturwissenschaft, Technik, Wirtschaft und Politik sollten die erforderlichen Maßnahmen zur vollständigen Erkundung und exakten Überwachung gefährlicher Objekte aus dem All verwirklichen sowie die Entwicklung und praktische Erprobung effizienter Abwehrstrategien möglichst schnell gewährleisten.
„Wir wissen, dass es in der Vergangenheit passiert ist. Und wir wissen, dass es wieder passieren wird“, betont Alan Harris (2008), „wir können uns nur schützen, indem wir die Objekte beobachten.“
Experten der Association of Space Explorers (ASE) forderten 2008 daher die Einrichtung eines globalen Forschungs-, Informations- und Abwehrnetzes unter der Führung der Vereinten Nationen (UN).
Michael Khan (2008) von der ESA geht davon aus, dass eine Vorwarnzeit von 10 bis 20 Jahren genügen dürfte, um eine Rettungsmission erfolgreich durchzuführen.
Bei der Entwicklung von Abwehrstrategien gegen Erdbahnkreuzer auf Kollisionskurs ist zu berücksichtigen, dass es idealtypische Kometen und Asteroiden nicht gibt. Lance Benner (2006) bemerkt zur Verschiedenartigkeit von Asteroiden: „Die Radarbeobachtungen zeigen, dass jeder Asteroid anders ist. Manche drehen sich schnell, andere ganz langsam. Manche sind fast kugelförmig, andere ganz lang gestreckt, manche haben einen Mond, andere nicht. Obwohl wir bisher schon fast 200 Asteroiden beobachtet haben, entdecken wir immer noch etwas Neues.“ Je nach Größe, Form, Material, Drehbewegung, Bahn, Entfernung und Geschwindigkeit des Objekts ist anders vorzugehen.
Das für alle Erdbewohner überlebensrelevante Projekt zur Impaktabwehr ist nicht im nationalen Alleingang, sondern nur international realisierbar. Experten, denen eine impaktfreie Zukunft der Menschheit und der übrigen Lebewesen des Blauen Planeten am Herzen liegt, sollten sich ihrer enormen Verantwortung bewusst sein und die notwendigen Schritte realisieren. Was die heutige Technik zur Erkundung, Überwachung und Abwehr von kosmischen Geschossen anbietet, sollte nicht nur auf dem Papier stehen und in Hollywood-Filmen gezeigt werden, sondern auch faktisch umgesetzt werden.