Das Statement eines weltoffenen Lesers

Von Dr. med. Volker Rimkus (Strande)

 

 "Vor dem Einschlafen pflege ich immer gern den Tag mit einem guten Buch schmökernd zu beenden. Und so tat ich dann auch mit Ihrem Werk über die Geschichte der Lebewesen.
  Aber so einfach dahin schmökern - nein, das ging mit diesem Buch nicht! Statt einer populärwissenschaftlich verfassten Lektüre musste ich doch sehr schnell erkennen, dass Sie dieses Mal eine doch sehr anspruchsvolle Fleißarbeit quer durch die manchmal ja so völlig unterschiedlichen "Lehrmeinungen" mit großer Akribie zusammengetragen haben. Man muss sich beim Lesen höllisch konzentrieren, um den Faden nicht zu verlieren. Und man kann auch nicht flott über die Seiten "gleiten", weil allein schon die vielen kaum aussprechbaren Namen der früheren Lebewesen ein Lesen vor dem Schlummer verhindern.
  Nun, nachdem ich mich also auf Ihr Konzept eingestellt hatte, habe ich die Abhandlung doch sehr genossen. Ich gebe zu, dass ich an vielen Stellen mit meinem Grundwissen über die Erdperioden absolut überfordert war und aber gern versucht habe, noch im hohen Alter etwas dazu zu lernen. Die Materie ist aber so kompliziert und von den Experten auch so widersprüchlich interpretiert, dass ich trotz aller Konzentration nicht in der Lage wäre, ein Referat über den Inhalt zu halten. Ich muss mich damit begnügen, wenigstens beim interessierten Lesen die Zusammenhänge logisch verfolgt zu haben.
  Ich fand es faszinierend, dass von allen Gattungen bzw. Familien nur fertige Exemplare in der Fossilüberlieferung gefunden wurden, so dass sich die Darwinsche Evolution wohl doch nur in den einzelnen Arten vollzogen hat - also aus dem Urfink wurden dann, je nach Nahrungsgrundlage, die auf den Galapagos anzutreffenden verschiedenen "Darwinfinken". (Ich hatte das Glück, selber schon dort gewesen zu sein).
  Ich fand es sehr spannend, wie Sie im Buch auch darauf aufmerksam machen, dass es keine "Probierstufen" in der Entwicklung neuer Ausstattungen gibt. Dass es also keine Fische in der Tiefsee gibt, die einen halben Lampenschirm am Kopf haben, andere mit einer Lampe, aber ohne "Birne" - und dann aber die meisten mit einer hervorragend funktionierenden Beleuchtung am Kopf. (Das war jetzt meine eigene Intention). Sie beschreiben hierzu ja den tollen Bombardierkäfer, von dem ich bislang noch gar nichts gehört hatte. Alle Vorstufen vor seinem Perfektionismus in der Kanone müssen, wie Sie treffend erwähnen, ja in die Luft gebombt worden sein und ein fertiger Käfer hätte niemals existiert.
  Spannend auch das bei uns Ärzten ja trefflich bekannte Coli-Bakterium mit Nanomotor und Navigationsgerät. Gerade auf diesem Gebiet sind wir Menschen ja neuerdings mit unseren neuesten Forschungen dran - und so ein Bakterium benutzt diese Technologie schon seit Millionen von Jahren....
  Ich war dann gegen Ende des Buches immer gespannter, welche Schlussfolgerung Sie wohl aus all dem Gesagten ziehen werden. Denn der Gedanke von einer wissenschaftlichen Erklärung für das plötzliche Erscheinen neuer Lebensformen kann ja zum jetzigen Stand der Forschungen wohl vergessen werden.
  Also doch eine Schöpfung??? Hier, dachte ich, werden Sie herauskommen und in den vielen nicht erklärbaren Vorgängen sozusagen einen Gottesbeweis herausarbeiten. Ich war dann erstaunt - und erfreut - ,dass Sie den Leser mit der Interpretation des Gelesenen dann doch ganz mündig und auch allein lassen. Das hat mir sehr gefallen und ich war angeregt, nun selber nach einer Lösung zu suchen.
  Und so kam mir die Idee, dass wir Menschen uns vielleicht überfordern, wenn wir herausbekommen wollen, was genau existierte, als es uns noch gar nicht gab. Wenn beispielsweise ein Computer herausfinden möchte, wie er entstanden ist, so wird er seine Probleme ab dem Zeitpunkt bekommen, wo er noch nicht zusammengebaut war. Denn sein "Bewusstsein", ein Computer zu sein, hatte er erst ab dem Moment, wo er fertig gebaut war. Wie will er herausfinden, wer ihn gebaut hat und aus welchen Teilen? Es wird für ihn auch geradezu unmöglich, in einer Zeitspanne zu forschen, in der es ihn noch nicht gab, also die langsame Entwicklung vom Abakus zum Großrechner zu verfolgen. Wir können vielleicht überhaupt nicht über unseren eigenen Horizont hinausblicken, weil wir ein doch relativ begrenztes Teilchen eines Systems sind. Als fertiger Rechner  - und von seinen Qualitäten überzeugt - kann ein solches Gebilde doch auch nur annehmen, dass sein Konstrukteur ein Überwesen gewesen sein muss, also eine gottähnliche Intelligenz. Wenn "er" wüsste, dass da Ingenieure mit sicher auch großen menschlichen Schwächen und sicher keine "Götter" am Werke waren - es wäre sicher eine Riesenenttäuschung.
  Und so suchen wir dann auch immer nach unserem Ursprung und bemerken vielleicht gar nicht, dass der Tellerrand, über den wir blicken können, eben doch arg begrenzt ist.
  Diese Überlegungen hatte ich, als ich die letzten Zeilen Ihres Buches "verdaut" hatte. Es hat mich wirklich sehr angeregt und beflügelt, die Welt nicht mehr als so einfach und relativ statisch zu betrachten. Und schon gar nicht, als sei früher alles höchst primitiv gewesen und wir würden halt erst jetzt das Ende einer langen Evolution erleben.
  Alles in allem habe ich Ihr Buch sehr, sehr gern gelesen. Es ist weit davon entfernt, ein Roman zu sein - auch kein pseudowissenschaftlicher Reißer. Nein, es ist eine sehr lesenswerte Abhandlung über den gegenwärtigen Stand unseres Unwissens!"

(Email vom 07.09.2007)