Standpunkte von Andersdenkenden
Für unzählige Menschen ist die
biologische Evolution eine Tatsache bzw. etwas naturwissenschaftlich Bewiesenes,
das ihr Menschen- und Weltbild maßgeblich beeinflusst. Experten der Biologie
versichern ihnen, dass es für die Entstehung sowie die Weiter- und
Höherentwicklung der Lebewesen heute verschiedene Kausale Evolutionstheorien
gibt, deren Unterschiede hauptsächlich hinsichtlich der Frage bestehen, welche
Evolutionsfaktoren ausschlaggebend sind und in welchen Intensitäten sich die
verschiedenen Evolutionsfaktoren auswirken, doch das Evolutionsprinzip sei
unbestritten. Infolgedessen wird die biologische Evolution an Universitäten und
Schulen sowie in Medien als hinreichend begründet eingestuft und gelehrt.
Mehrere Belege sollen die
Behauptung verdeutlichen:
Von dem russisch-US-amerikanischen
Genetiker und Evolutionsbiologen Theodosius Dobzhansky stammt der oft zitierte
Satz: „Nichts in der Biologie ergibt einen Sinn, außer im Licht der Evolution.“
Laut Dobzhansky (1973) war die Lehre von der Evolution der Lebewesen zu Darwins
Zeit noch eine Hypothese, doch heute kann sie als erwiesen betrachtet werden.
Ähnlich äußerte sich der
österreichische Zoologe Konrad Lorenz, der 1949 das Institut für vergleichende
Verhaltensforschung in Altenberg gründete und 1973 mit dem Nobelpreis
ausgezeichnet wurde. Gemäß Lorenz hat sich „noch nie eine von einem Mann
aufgestellte Lehre als so wahr erwiesen wie die Abstammungslehre von Charles
Darwin.“
Ein Vertreter der Synthetischen
Evolutionstheorie, deren Anhängerinnen und Anhänger bemüht sind, das
Evolutionskonzept auf eine genetische Basis zu stellen, ist der 1904 im Allgäu
geborene und 2005 in der Nähe von Cambridge (USA) verstorbene Ernst Mayr, der
für seine wissenschaftlichen Verdienste mit 17 Ehrendoktoraten ausgezeichnet
wurde. Er hat insgesamt 26 Bücher und über 700 Artikel verfasst.
Anlässlich des 100. Geburtstags
wurde er gefragt, wie er sich fühlt, wenn er als
der
Darwin unserer Zeit gefeiert
wird. Mayrs Antwort: „Wie kann ich etwas so Schmeichelhaftes ablehnen? Es mag
übertrieben klingen, aber ich kenne niemanden, der sich mit den Feinheiten der
Evolutionstheorie besser auskennt als ich. Man hat mich einmal gefragt, wer die
Nummer zwei sei. Das brachte mich in Verlegenheit. Denn offen gestanden: Da ist
niemand, der mir sehr stark Konkurrenz macht.“
Bei der Auszeichnung mit dem
Crafoord-Preis durch die königlich-schwedische Akademie der Wissenschaften
bemerkte Mayr 1999: „Kein gebildeter Mensch wird die Evolutionstheorie heute
noch anzweifeln. Auch wird die Evolution längst nicht mehr als Hypothese
wahrgenommen, sondern als Tatsache.“ Und weiter: „Immer wieder entstehen neue
Formen des Denkens. Die moderne Anschauung geht in fast allen Bereichen irgendwo
auf darwinsche Gedanken zurück.“
Einer der einflussreichsten Evolutionsbiologen von heute ist der Erfolgsautor Richard Dawkins, der bis 2008 an der Universität Oxford tätig war. Zum Gewissheitsgrad der Evolutionstheorie bemerkte er 2011: „Es gab eine Zeit, da dachten die Menschen, die Erde sei flach. Dann wurde die Hypothese aufgestellt, die Sonne sei das Zentrum des Universums und danach die, sie sei das doch nicht. In dem Sinne, wie unsere Alltagssprache das Wort Tatsache versteht, ist es eine anerkannte Tatsache, dass die Erde um die Sonne kreist und unser Sonnensystem Teil der Galaxie ist, die wir Milchstraße nennen. Es gibt keine festgelegte Grenze, an der etwas aufhört, eine Hypothese zu sein und zur Tatsache wird. Man registriert erst im Blick zurück, dass etwas zur Tatsache geworden ist. Wissenschaftsphilosophen werden sagen, dass alles nur Hypothesen sind, die niemals endgültig bestätigt werden können, und dass wir alle aufwachen könnten und entdecken, dass alles nur ein Traum war. Aber in dem Sinne, wie wir alle normalerweise das Wort Tatsache benutzen, ist Evolution eine.“
Zu den führenden Evolutionsbiologen
Deutschlands zählt Axel Meyer. Ihm zufolge ist die Evolutionsbiologie
„wahrscheinlich sogar besser als die meisten anderen biologischen
Teildisziplinen in einem Theoriengebäude verankert, das seit 150 Jahren
ausgebaut wird, verfeinert wird, aber nicht umgestoßen wird“ (2005).
Der Münchner Evolutionsbiologe
Josef Reichholf unterscheidet zwischen Evolution als Tatsache, die „genauso
sicher ist und unbezweifelbar wie, dass die Erde rund ist oder wie etwa unser
Planetensystem aufgebaut ist“, und den Mechanismen, die zur Entwicklung der
Arten geführt haben. Diese kennen die Evolutionsbiologen „in manchen Bereichen
noch nicht vollständig“ (2005).
Ulrich Kutschera,
Pflanzenphysiologe und Evolutionsbiologe an der Universität Kassel mit
Forschungsprojekten und Arbeitsplatz an der Carnegie Institution for Science an
der Stanford University (USA), gründete 2002 zusammen mit dem Tübinger
Biologiehistoriker Thomas Junker die Arbeitsgemeinschaft Evolutionsbiologie.
Kutschera zufolge sind die Organismen ohne eine evolutionäre Sicht
naturwissenschaftlich nicht analysierbar, weil der in der DNA niedergelegte
historische Charakter ausgeblendet wird. Er betont: „Biologie ohne evolutionären
Hintergrund gleicht einem Kasten beschriebener Merkzettel, der auf dem Boden
ausgeleert wurde: Alle notierten Fakten sind noch da, das ordnende Prinzip ist
jedoch verloren gegangen“ (2005).
Im ZDF-Magazin
Frontal 21 wurde Kutschera 2005 zur
Evolutionstheorie interviewt. Sein Statement: „Evolution ist eine dokumentierte
Tatsache, so sicher wie zum Beispiel, dass die Erde keine Scheibe ist. Die Erde
ist rund, Evolution hat stattgefunden; daran zweifelt kein kompetenter,
sachkundiger Biologe mehr.“ Gegenüber der
dpa äußerte Kutschera 2006, es sei inakzeptabel, die Evolution als Faktum in
Frage zu stellen. Die Evolution sei eine Tatsache, die durch eine moderne
Theorie erklärt werde. Und weiter: „Sonst wären ja all die Tausenden
Wissenschaftler, die wie wir auch in Stanford und Harvard Evolutionsforschung
betreiben, Narren.“ In einer Rezension des Buches
Philosophie der Biologie von Ulrich
Krohs und Georg Toepfer (Hrsg.) betont Kutschera 2007: „Die moderne synthetische
Evolutionstheorie ist kein Glaubensbekenntnis, sondern ein aus Fakten
abgeleitetes System von Aussagen, das einen Prozess erklärt, der tatsächlich
stattgefunden hat und andauert.“
Matthias Glaubrecht (2005),
Direktoriumsmitglied am Museum für Naturkunde in Berlin und Verfasser etlicher
Artikel zur Evolutionsbiologie, erläutert: „Evolution ist ein wissenschaftlich
überaus gut dokumentiertes Phänomen in der Natur, ebenso wie die Erkenntnis,
dass sich die Erde um die Sonne dreht. Dies ist gemeint, wenn Biologen Evolution
als Faktum bezeichnen. Dabei sind sie sich des hypothetischen Charakters ihrer
Arbeit bewusst. Denn bewiesen ist Darwins Evolutionstheorie ebenso wenig wie
Einsteins Relativitätstheorie oder Plancks Quantentheorie; aus prinzipiellen
Erwägungen können sie es auch nie sein. Theorien müssen sich in der Praxis
bewähren; kein kundiger Wissenschaftler nimmt mithin heute an, eine Theorie sei
überhaupt beweisbar. Denn Theorien lassen sich niemals beweisen, sondern
allenfalls widerlegen, und zwar wenn neu entdeckte Umstände gegen sie und die
durch sie gemachten Vorhersagen sprechen. Doch das ist bei der Evolutionstheorie
seit 150 Jahren nicht der Fall.“ Und weiter: „Zwar ist das Theoriengebäude der
Evolution heute komplizierter geworden, neue Zwischenböden und Wände wurden
eingezogen, fehlende Bausteine werden in Erkern und Ecken eingefügt. Doch das
Dach, das Darwin dem Gebäude einst gab, existiert noch immer, und das Fundament
ist massiv gemauert. Seine Ansichten der Natur gehören zu den faszinierendsten
Errungenschaften menschlichen Geistes.“
Joachim Bauer vom Uniklinikum
Freiburg schreibt im Sachbuch Das
kooperative Gen. Abschied vom Darwinismus (2009): „Darwins zentrale
Erkenntnis, dass alles Leben aus einer evolutionären Entwicklung hervorgegangen
und durch einen gemeinsamen Stammbaum verbunden ist, ist unumstößlich.“
Adolf Remane, Volker Storch und
Ulrich Welsch, deren Publikationen zur Zoologie für viele Biologiestudenten
wegweisend waren, stellen in Evolution (München 1990) fest: „Dass sich die unübersehbare Vielfalt
der Lebewesen aus wenigen einfachsten Formen oder der einen organischen
Verbindung im Laufe der Jahrmillionen entwickelt hat, daran zweifelt ein
Jahrhundert nach Darwin kein Wissenschaftler mehr.“
67 nationale Wissenschaftsakademien (etwa die
Australian Academy of Science, Chinese Academy of Sciences, Académie des
Sciences/France, Union of German Academies of Sciences and Humanities, Academia
Nazionale dei Lincei/Italy, Science Council of Japan, The Royal Society/UK, US
National Academy of Sciences und The Academy of Sciences for the Developing World) unterzeichneten
2006 eine gemeinsame Erklärung, in der sie sich für die Verbreitung der
Evolutionslehre Darwins einsetzten.
Gesetzgeber, Lehrer und
Eltern forderten sie in einem Plädoyer auf, dafür Sorge zu tragen, dass an
Schulen wissenschaftlich überprüfte Erklärungen zur Entstehung und Entwicklung
des Lebens gelehrt werden. Im Statement on
the teaching of evolution, das vom
InterAcademy Panel veröffentlicht wurde, heißt es, zum Kern des
wissenschaftlichen Verständnisses von der Entwicklung des Lebens gehört die
Erkenntnis, dass die „Gemeinsamkeiten in der Struktur des genetischen Codes
aller heute lebenden Organismen, einschließlich des Menschen, deutlich auf einen
gemeinsamen Ursprung hinweisen“.
Das Wissenschaftsjournal
Science setzte in der
Weihnachtsausgabe 2005 die Evolutionslehre an die Spitze der Top-Ten-Liste von
wissenschaftlichen Durchbrüchen des zurückliegenden Jahres, um Darwins
Evolutionstheorie knapp 150 Jahre nach ihrer Veröffentlichung und vor allem die
jüngsten Daten und Beobachtungen der Evolutionsbiologen zu küren. Hinsichtlich
der Bedeutung der Evolutionstheorie schrieben Elizabeth Culotta und Elizabeth
Pennisi: „Auf einer bestimmten Ebene beruht jede Entdeckung in der Biologie und
in der Medizin auf ihr.“ Sie räumten ein, dass zwar das Geheimnis der Evolution
noch längst nicht gelüftet sei, doch weltweit seien Experten dabei, es mit den
unterschiedlichsten Ansätzen zu enträtseln.
Henry Gee, Rory Howlett und Philip
Campbell, Herausgeber von Nature, verwiesen in der Neujahrsausgabe 2009 auf „15 evolutionäre
Kleinode“, um Darwins Evolutionstheorie argumentativ gegen Skeptiker zu
untermauern. Für sie ist die Theorie Darwins so sicher, wie dass sich die Erde
um die Sonne dreht.
In einem Blog, powered by
Spektrum der Wissenschaft, behauptete
die Biologin Sandra Thal 2008: „Die Evolution ist eine Theorie, die durch die
Forschung eindeutig und ganz klar bewiesen worden ist. Wer nicht einmal diese
Beweise als absolut ansieht, kann auch gleich seine eigene Existenz in Zweifel
ziehen.“ Und weiter: „An der Evolutionstheorie zweifelt niemand, der die
Sachlage kennt und den Verstand hat, sich mit ihr auch auseinanderzusetzen.“
Außerdem: „Sie ist so unzweifelhaft wie die Planck-Konstante, so unzweifelhaft
wie das Periodensystem der Elemente, so unzweifelhaft wie die Zahl Pi.“
Die vier Herausgeber und Bearbeiter
des Oberstufenlehrbuches Linder Biologie betonen 1992: „Die Evolution der Lebewesen kann
nicht ernsthaft bestritten werden und ihre Ursachen sind weitgehend bekannt.“
Ähnliches behaupten die über 20
Autoren des Lehrbuches Biologie Oberstufe
(Berlin 2001). Für sie gibt es „sehr viele Tatsachen aus allen Bereichen der
Biologie, die nur als Ergebnis der Evolution vernünftig und widerspruchsfrei
erklärt werden können. Keine andere Erklärung ist wahrscheinlicher, logischer
und durch eine ähnliche Fülle an Argumenten gestützt.“
Die sieben Verfasser/innen von
Natura. Biologie für Gymnasien - 7. bis
10. Schuljahr (Stuttgart 2002) verkünden, dass „die Evolutionstheorie heute
zu den am besten fundierten Theorien in der Biologie überhaupt zählt.“
„Fast alle Naturwissenschaftler
betrachten daher die Evolution nicht mehr nur als
bloße Theorie, sondern als
hinreichend gesicherte Tatsache“, resümieren die neun Herausgeber des Lehr- und
Arbeitsbuches Biologie heute entdecken S
II (Braunschweig 2004).
Die 14 Autoren und das 9-köpfige
Beraterteam von Biologie Oberstufe (Berlin 2009) schreiben: „Die synthetische
Theorie ist ein System von Aussagen, das Evolution als realhistorischen Prozess
beschreibt und erklärt, der stattgefunden hat und weiter andauert. Sie ist die
umfassendste Theorie der Biologie und liefert Erklärungen in sämtlichen
Teilgebieten der Biologie, wodurch diese wiederum zur Bestätigung der
Evolutionstheorie beitragen.“
Karin Wolff bemerkte 2006 als
hessische Kultusministerin anlässlich einer Debatte um die Lehre von der
Evolution an Schulen: „In diesem Zusammenhang ist es mir wichtig zu betonen,
dass selbstverständlich an allen hessischen Schulen – gemäß dem Lehrplan – die
Evolutionstheorie gelehrt wird. Darwins Theorie der Evolution ist zweifelsohne
ein zentraler Aspekt biologischer Wissenschaft, seine Ansichten zur Natur
gehören zu den faszinierendsten Ergebnissen menschlichen Geistes.“
Im vom hessischen Kultusministerium
2005 herausgegebenen Lehrplan Biologie – gymnasialer Bildungsgang findet sich als
Lerninhalt für die Jahrgangsstufe 12 die folgende Teilaussage: „Es gibt eine
Evolution: Die Arten sind veränderlich. Sie haben sich aus früheren und die
ersten Lebewesen aus Unbelebtem entwickelt (Deszendenztheorie, Anagenese).“
Ähnliche Formulierungen gibt es in
den gymnasialen Lehrplänen für das Fach Biologie von anderen Bundesländern. So
wird im Lehrplan Biologie - Grund- und Leistungsfach von Rheinland-Pfalz
(Mainz 1998) das in den Jahrgangsstufen 11 bis 13 zu behandelnde Leitthema
„Entstehung & Veränderung lebender Systeme“ mit der Feststellung eingeleitet:
„Die wissenschaftlichen Erkenntnisse von Systematikern, Genetikern,
Molekularbiologen und Geologen belegen, dass die Evolution der Lebewesen eine
Tatsache ist.“
Der im Schuljahr 2007/08 gültige
Lehrplan Biologie für die Grund- und
Leistungskurse der Jahrgangsstufe 13 an saarländischen Gymnasien und
Gesamtschulen gibt als verbindliches Lernziel vor: „Der Schüler/die
Schülerin soll wissen, dass wissenschaftliche Ergebnisse die Evolution der
Organismen beweisen.“ Im Lehrplan für das vierstündige G-Fach Biologie für
saarländische Schüler/Schülerinnen, die ab dem Schuljahr 2008/2009 in die
Hauptphase der gymnasialen Oberstufe eintreten, sind „Beweise für die Evolution“
als verbindlicher Lerninhalt vorgegeben.
Gerhard Vollmer, Verfasser von
Artikeln zur so genannten Evolutionären Erkenntnistheorie, betonte 1995:
„Natürlich unterliegt auch der Mensch mit allen seinen Eigenheiten, Fähigkeiten
und Fehlern der Evolution. Diese Tatsache kann für die Philosophie nicht
irrelevant sein. Dass unsere kognitiven Fähigkeiten, unsere sozialen
Verhaltensweisen, unsere ästhetische Urteilsbildung Ergebnisse der kosmischen,
biologischen, sozialen und kulturellen Evolution sind, hat wichtige Konsequenzen
für die zugehörigen philosophischen Disziplinen Erkenntnistheorie, Ethik,
Ästhetik.“
Bei einer Experten-Diskussion über
Die Wahrheit in der Wissenschaft
äußerte der Bielefelder Sozialwissenschaftler Rudolf Stichweh (2001): „Ich kenne
keinen einzigen Gegner Darwins, der je überzeugt worden wäre. Die sind
tatsächlich ausgestorben, irgendwann im Laufe des 19. Jahrhunderts.“
Bernulf Kanitscheider, der aus
naturwissenschaftlichen Befunden diverse Schlussfolgerungen für die
Naturphilosophie, Wissenschaftstheorie, Ethik und Moral sowie die persönliche
Glückssuche zieht, antwortete 2008 auf die Frage, ob es so etwas wie eine
naturalistische Ethik geben könne, unter Hinweis auf den amerikanischen
Philosophen Daniel Dennett: „Doch da die Abstammungslehre einen stetigen
Übergang der Tierpopulationen zu den Primaten bis zum Homo sapiens belegt, ist
es ganz unwahrscheinlich, dass Moral keine Verankerung in der Stammesgeschichte
hat.“
Im Vatikan wurde 2009 die
Gregoriana-Konferenz zum Thema Biologische Evolution – Fakten und Theorien, eine kritische Bewertung
150 Jahre nach The Origin of Species veranstaltet, an der Gelehrte aus
unterschiedlichen Wissenschaften teilnahmen. Unter den Teilnehmern war Jürgen
Mittelstraß, Vorsitzender des Österreichischen Wissenschaftsrates sowie Direktor
des Konstanzer Wissenschaftsforums und des Zentrums Philosophie und
Wissenschaftstheorie. Nach der Konferenz wurde ihm die Frage gestellt: „In der
Vergangenheit gab es widersprüchliche Aussagen der Katholischen Kirche zur
Evolution. Hat sie sich nun zur Evolutionslehre neu positioniert?“ Seine
Antwort: „Papst Johannes Paul II. sagte, die Evolutionstheorie sei mehr als eine
Hypothese. Die Katholische Kirche erkennt die Evolution als Fakt an, die
Evolutionstheorie wird nicht in Frage gestellt.“
Fairer Weise werden noch drei
andere Veröffentlichungen erwähnt:
Der Genetiker Steve Jones vom
University College in London wurde 2008 von Elke Bodderas über die vergangene
und zukünftige Entwicklung der Menschheit interviewt. Das Gespräch wurde von
Welt Online publiziert. Dabei sagte er
unter anderem: „Auf genetischer Ebene tut sich bei uns nichts mehr, die
Evolution ist zu Ende.“ Auf die Frage, wann die Evolution des Menschen aufgehört
hat, gab er die Antwort: „Der Mensch hat sich seit 100.000 Jahren kaum
verändert. Die Isländer und die australischen Aborigines unterscheiden sich
genetisch gesehen weniger als zwei Schimpansengruppen, die nur 50 Kilometer
voneinander entfernt leben.“ Zudem wurde Jones gefragt: „Was, wenn die
Evolutionstheorie irgendwann widerlegt würde?“ Er erwiderte: „Das wäre für die
Wissenschaft eigentlich ganz normal: Man hat eine Hypothese und versucht, sie zu
widerlegen. Gelingt das nicht, dann stimmt sie vermutlich. Jede Theorie kann
widerlegt werden, auch Newton wurde widerlegt.“
Angesichts der früheren Irrtümer
wie etwa des geozentrischen Weltbildes, der Vorstellung von der Erde als Scheibe
und der physikalisch-chemischen Ätherhypothese schrieb Charlotte Klein in einem
Artikel, der von Spiegel Online 2010
veröffentlicht wurde: „Der heutige Wissensstand, das Gerüst aus schlüssigen
Berechnungen und Forschungsergebnissen, erscheint fast endgültig. In
Wirklichkeit aber bildet vieles, was man heute zu wissen glaubt, einfach nur den
derzeitigen Stand der Forschung ab und könnte jederzeit durch neue Erkenntnisse
wieder über den Haufen geworfen werden.“
Die Wissenschaftsmagazine
Nature und
Scientific American befragten im Jahr
2010 etwa 21.000 ihrer Leserinnen und Leser aus den verschiedenen Regionen der
Erde, wie sie über wissenschaftliche Themen denken. Bei der Beurteilung der
Evolutionstheorie gab es deutliche Unterschiede. Während die Teilnehmerinnen und
Teilnehmer aus den meisten Ländern zu etwa 10 Prozent skeptisch eingestellt
waren, zweifelten 35 Prozent der Japaner und 49 Prozent der Chinesen an der
Evolutionstheorie.