Holocaustszenarien ohne technische
Abwehrmöglichkeit
Der renommierte Astrophysiker
und Kosmologe Stephen W. Hawking empfahl 2006 bei der Verleihung der
Copley-Medaille angesichts der Möglichkeit eines Atomkriegs oder einer
globalen Impaktkatastrophe, Weltraumkolonien auf erdähnlichen Planeten
anderer Sonnensysteme einzurichten, damit die Menschheit längerfristig
überleben kann. Mittels Raumschiffen mit Warp-Antrieb könnten geeignete
extrasolare Planeten in sechs Jahren erreicht werden. Für diese Auswanderung
sollte die Menschheit möglichst schnell ihre Fähigkeiten ausbilden und
technisch entfalten.
In der Milchstraße könnte es mindestens 500
Millionen Exoplaneten geben, auf denen Lebewesen existieren können. Diese
Schätzung vom Februar 2011 basiert auf den vorläufigen Forschungsdaten des
Kepler-Teleskops der Nasa. Demnach befinden sich in der Milchstraße etwa 300
Milliarden Sonnen und mindestens 50 Milliarden Planeten, von denen
mindestens 500 Millionen einen Abstand zur Muttersonne haben, bei dem die
Temperatur keine lebensfeindliche Rahmenbedingung darstellt.
Der
wissenschaftliche Leiter der Kepler-Mission, William J. Borucki, berichtete
beim Kongress der Amerikanischen Gesellschaft zur Förderung der
Wissenschaften in Washington, dass mit Hilfe des Teleskops bisher 1235
Exoplaneten entdeckt wurden, von denen 54 in einer Zone liegen, in der es
weder zu heiß noch zu kalt für Lebewesen sein könnte. Bei den meisten
extrasolaren Planeten handelt es sich um Gas- und Eisriesen, vergleichbar
mit Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun, die von irdischen Lebensformen nicht
bewohnt werden können.
Doch weder auf der Erde noch auf einem anderen
Himmelskörper gibt es Überlebensbedingungen für unbegrenzte Zeit. Alle
Sonnen erlöschen oder werden samt den Planeten durch kosmische Ereignisse
vernichtet. Bei manchen Katastrophenszenarien wird die gesamte Lebenswelt
eines Planeten ausgelöscht, und durch technische Abwehrstrategien können sie
nicht verhindert werden. Die nachfolgenden Befunde astronomischer Forschung
vermitteln einen Einblick.
Wenn sonnenähnliche Sterne im
Inneren den ihnen zur Verfügung stehenden Wasserstoff für die
Kernverschmelzung aufgebracht haben, blähen sie sich um ein Vielfaches auf
und werden zu Roten Riesen. Innen beginnt das Helium zu brennen, wobei
Kohlenstoff und Sauerstoff erzeugt werden. Die rote Farbe des Riesensterns
kommt durch den hohen Kohlenstoffanteil im Spektrum zu Stande. In den
äußeren Schichten zündet der Wasserstoff.
Ist das Helium im Inneren
verbraucht, zieht sich der Kern infolge der Schwerkraft zusammen. Auf Grund
der angestiegenen Temperatur kann eine weiter außen lokalisierte Schale
fusionieren, die von dem darüber liegenden Wasserstoff gespeist wird. Bei
den zündenden und erlöschenden Fusionsprozessen bläht der Sternenrest sich
abwechselnd auf und fällt wieder zusammen. Dieser Vorgang findet wiederholt
statt.
Reicht die Temperatur
irgendwann nicht mehr aus, um neue Fusionen zu zünden, kollabiert der Kern
zu einem so genannten Weißen Zwerg, der typischerweise die Größe der Erde
und das maximal 1,44 Fache der Sonnenmasse aufweist. Ein Kubikzentimeter
Materie eines Weißen Zwergs wiegt mehr als 100.000 Kubikmeter Blei auf der
Erde. Die außergewöhnliche Dichte kommt dadurch zu Stande, dass nach dem
Erlöschen der nuklearen Fusionsprozesse die Atome quasi geknackt sind.
Mittels Beobachtungsdaten von
Weltraumteleskopen errechnete ein Astronomenteam um Klaus Werner von der
Universität Tübingen (2004), dass die Oberflächentemperatur des Weißen
Zwergs H1504+65 etwa 200.000 Grad Celsius beträgt. Im sichtbaren
Spektralbereich leuchtet er nur wenig, im Röntgenlicht erscheint er als ein
überaus helles Objekt am Himmel.
Im Laufe der Zeit wird er
weiter abkühlen und dunkler werden. Zuletzt verblasst er als Schwarzer
Zwerg, falls er bei der weiteren Entwicklung nicht gestört wird.
Allein in der Milchstraße gibt
es vermutlich Milliarden sonnenähnlicher Sternleichen, die mittels
Röntgensatelliten nachweisbar sind (Benningfield 2006). Bei der Auswertung
von Daten des Rossi-Satelliten erkannte ein Forscherteam um Mikhail
Revnivtsev (2006) vom Max-Planck-Institut für Astrophysik in Garching, dass
der so genannte Röntgenschein der Milchstraße aus mehreren Millionen Sternen
besteht. Dabei handelt es sich hauptsächlich um alte Weiße Zwerge, die mit
einem anderen Stern ein Doppelsystem bilden.
Der 1862 entdeckte Stern Sirius
B ist ein Weißer Zwerg im 8,6 Lichtjahre entfernten Sternbild Großer Hund.
Er befindet sich in einer engen Umlaufbahn um Sirius A, dessen Auftauchen
den Astrologen im antiken Ägypten die Nilschwemme ankündigte.
Die Masse von Sirius B
entspricht knapp der Sonnenmasse, der Durchmesser beträgt 12.000 Kilometer,
was etwa der Größe der Erde entspricht. Das Gravitationsfeld von Sirius B
ist 350.000 Mal stärker als das der Erde (Barstow et al. 2005). Dies
bedeutet: Ein erwachsener Mensch würde auf Sirius B einige 100.000 Kilogramm
wiegen.
Als junger Stern besaß Sirius B
die fünffache Sonnenmasse und leuchtete unübersehbar am nächtlichen Himmel.
Als sein Kernbrennstoff aufgebraucht war, blähte er sich zu einem Roten
Riesen auf, streifte die äußere Hülle ab und der dichtere Kern blieb als
Weißer Zwerg zurück (Croswell 2006).
Auch die Sonne wird, wenn sie
bei der weiteren Entwicklung nicht gestört wird, einmal erkalten und im
Inneren zu einem Weißen Zwerg schrumpfen. Zunächst fusioniert sie den
Wasserstoff zu Helium und anschließend das Helium zu Kohlenstoff und
Sauerstoff. Wenn der jetzige nukleare Ofen erlischt, wird sie sich als Roter Riese auf das eventuell 150-Fache ihrer heutigen Größe aufblähen und die inneren Planeten Merkur und Venus verschlingen.
Sollte sie sich dabei bis zur
Erdbahn ausdehnen, könnte die Erde durch die Reibung mit der äußeren Hülle
des Roten Riesensterns so viel Energie verlieren, dass sie in ihn stürzt.
Der Mars könnte das Erlöschen
der Sonne überstehen. Bei der Erde ist dies nicht so sicher.
Ein astronomischer Hinweis auf einen Roten Riesen, der seine inneren Planeten verschluckt haben könnte, ist der zur Helmi-Gruppe gehörende Stern HIP 13044. Früher befanden sich der Stern und seine Planeten in einer Zwerggalaxie, die vor einigen Milliarden Jahren von der Milchstraße geschluckt wurde. Heute sind sie 2.000 Lichtjahre von der Erde entfernt im südlichen Sternbild Chemischer Ofen zu sehen.
Während der Stern als Roter Riese seine etwaigen inneren Planeten einverleibt hat, hat der äußere Planet HIP 13044 b diese Phase bis heute überstanden. Er besitzt mindestens die 1,25-fache Masse des Jupiters und umkreist alle 16,2 Tage seinen Heimatstern in einem sehr nahen Abstand. Die hohe Rotationsgeschwindigkeit des Muttersterns könnte dadurch zu Stande gekommen sein, dass der Stern einmal innere Planten besaß und sie während des Rote-Riesen-Stadiums verschlang.
Zwischenzeitlich hat HIP 13044 sich zusammengezogen und fusioniert jetzt Helium. Im weiteren Verlauf seiner Entwicklung wird er sich erneut ausdehnen und dann seinen Planeten verschlucken. Laut Johny Setiawan (2010) vom Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg könnte der Fund einen Hinweis geben, welches Schicksal dem Sonnensystem in ferner Zukunft bevorsteht. Nach der Entdeckung des Exoplaneten und seines Muttersterns bemerkte er: „Auch unsere Sonne wird sich in ungefähr fünf Milliarden Jahren zu einem Roten Riesen entwickeln. Möglicherweise zeigt uns das HIP 13044-System, wie die ferne Zukunft unseres Sonnensystems aussehen wird. Das macht die Entdeckung des Planeten natürlich umso faszinierender.“
Die Atmosphärenreste der
meisten Weißen Zwerge erscheinen bei einem Blick durch Weltraumteleskope
unverschmutzt, da sie ausschließlich aus Wasserstoff und Helium bestehen. Es
gibt jedoch auch Weiße Zwerge, die von einem Staubring umgeben sind und
insofern ein verschmutztes Aussehen haben. Sie sind Zeugen von
Vernichtungsszenarien.
Ein gut untersuchter Weißer
Zwerg mit einer verschmutzten Atmosphäre ist das Objekt GD 362 im 150
Millionen Lichtjahre von der Erde entfernten Sternbild Herkules. Forschern
um Mukremin Kilic (2005) von der University of Texas sowie Experten von der
University of California in Los Angeles, der Carnegie Institution und vom
Gemini Observatorium zufolge besteht der Staubring vermutlich aus Überresten
eines Planeten bzw. Planetensystems oder eines Asteroiden.
Kilic folgerte aus den
Beobachtungsdaten: „Die passendste Erklärung für die Staubscheibe um GD 362
besteht darin, dass ein Planet oder ein asteroidenähnliches Objekt durch die
Gezeitenkräfte des Weißen Zwergs zerrissen wurde. Die Brocken wurden bis auf
Staubgröße zermahlen und sammelten sich in einer Trümmerscheibe um den
Stern. Wahrscheinlich sehen wir hier die Vernichtung eines Planetensystems.“
Wissenschaftler wie Eric
Becklin, Michael A. Jura, Inseok Song, Benjamin Zuckerman vertreten eine
ähnliche Position. Michael A. Jura von der University of California in Los
Angeles vergleicht die staubige Umgebung mit den Saturnringen. Sie entstand
vermutlich, als ein Himmelskörper dem Stern zu nahe kam und zerstört wurde.
Benjamin Zuckerman verwies darauf, dass GD 362 über ebenso viel Eisen,
Kalzium und Magnesium wie die Sonne verfügt und daher einen Blick auf die
Zukunft unseres Planetensystems werfen könnte.
Der Erklärungsansatz wurde
zwischenzeitlich durch weitere Befunde bestätigt. Eine Arbeitsgruppe um
Zuckerman wies 2007 im Orbit von GD 362 insgesamt 17 verschiedene Elemente
nach, die in ähnlicher Konzentration beim Erde-Mond-System bzw. bei den
inneren Planeten des Sonnensystems vorkommen. Es ist deshalb nahe liegend,
die verschmutzte Atmosphäre als Überrest eines zerstörten Planeten bzw.
Planetensystems oder eines ähnlichen Himmelskörpers anzusehen.
Zuckerman favorisiert zwei
kollidierte Planeten oder einen auseinander gebrochenen Asteroiden. Er
bemerkt: „Etwas Dramatisches könnte in diesem System passiert sein.“
Für Jura (2007) ist die
Zusammensetzung der Atmosphäre von GD 362 ein Hinweis, dass erdähnliche
Planeten auch bei anderen Sternen entstanden sein könnten bzw. dass die
Zusammensetzung der Erde nicht etwas Einmaliges im Kosmos darstellen muss.
Ein anderer Weißer Zwerg mit
verschmutzter Atmosphäre ist G29-38, dessen metallreiche Gasscheibe sich
über eine Distanz erstreckt, die annäherungsweise dem Sonne-Jupiter-Abstand
entspricht. Die Staubkonzentration ist hundert Mal geringer als die von GD
362. Da die Zusammensetzung und Größe der Staubmineralien auch bei manchen
Kometen des Sonnensystems gefunden werden, vermuten Marc Kuchner (2006) vom
Goddard Space Flight Center der Nasa und William Reach (2006) vom California
Institute of Technology in Pasadena, dass ein Komet in die innere Region
vordrang und durch die Gezeitenkräfte des Weißen Zwergs völlig auseinander
gerissen wurde.
Michael A. Jura schlug 2003 als
Erklärung vor, dass der Weiße Zwerg kurz zuvor einen Asteroiden zerfetzte,
als er in sein starkes Gravitationsfeld eindrang. In einer Serie von
Kollisionen wurden die Trümmer weiter zerkleinert. Schließlich entstand eine
rotierende Staubscheibe, aus welcher Materie auf den Zwergstern herabregnet.
Das Konzept wurde
zwischenzeitlich durch weitere Beobachtungen bestätigt und ergänzt. Michael
A. Jura (2009) und Michael W. Werner vom Jet Propulsion Laboratory der Nasa
im kalifornischen Pasadena schreiben: „Die Messung von Infrarotemissionen
erlaubt auch die Abschätzung, dass die Scheiben Weißer Zwerge höchstens ein
Hundertstel einer Astronomischen Einheit von ihrem Zentralgestirn entfernt
sind. Ihre Masse dürfte derjenigen eines Asteroiden mit 30 Kilometer
Durchmesser entsprechen. Auch das ist konsistent mit der Vorstellung, dass
die Scheibe durch den Zerfall eines solchen Himmelskörpers entstanden ist.“
Laut Boris Gänsicke (2006) von
der Universität von Warwick könnte es sich bei der Staubscheibe von G29-38
um Planetentrümmer handeln.
Ein Bindeglied zwischen älteren
Weißen Zwergen wie G29-38 und sonnenähnlichen Sternen ist der relativ junge
Weiße Zwerg WD 2226-210, dessen äußeren Schichten als Planetarischer Nebel
sichtbar sind und deshalb „Helixnebel“ bezeichnet wurden.
Das Besondere von WD 2226-210
ist der Abstand seiner staubigen Trümmerscheibe, die etwa 100 Astronomische
Einheiten von ihm entfernt ist. Dies bedeutet: In den Zwischenraum würde
unser gesamtes Sonnensystem hineinpassen. Für Jura und Werner (2009) weist
dies darauf hin, dass die Scheibe nicht aus den Überresten eines Asteroiden
besteht, sondern bei der Kollision von Asteroiden und Kometen gebildet
wurde.
Einem kanadisch-amerikanischen
Forscherteam um den Astronomen Patrick Dufour (2010) von der University of
Montreal gelang mit Hilfe des Multiple-Mirror Teleskops der Nachweis, dass
die chemische Zusammensetzung der äußeren Schichten des Weißen Zwergs SDSS
J073842.56+183509.6 ziemlich große Ähnlichkeit mit der Erde hat. Die
schweren Elemente wie Eisen, Kalzium, Magnesium, Natrium und Silizium
verursachen die stärkste Verschmutzung, die das Team je bei einem Zwergstern
beobachtet hat. Vermutlich stammen sie von einem felsigen Himmelskörper mit
hohem Metallanteil, der dem Weißen Zwerg vor kurzem zu nahe kam und von
seinen Gezeitenkräften auseinander gerissen wurde. Die Menge des
angesammelten Materials entspricht etwa der Masse des Zwergplaneten Ceres
mit 930 Kilometer Durchmesser. Aus dem relativ geringen Wasserstoffanteil in
der Atmosphäre schlossen die Forscher, dass das erdähnliche Objekt beim
längeren Umkreisen des Zwergsterns sein eventuell vorhandenes Wasser
verloren hat.
In Anbetracht des Nachweises
von immer mehr Zwergsternen mit verschmutzter Atmosphäre bemerkten Jura und
Werner (2009): „Gemeinsam mit Kollegen haben wir über ein Dutzend Weiße
Zwerge in der Milchstraße entdeckt, die von Asteroiden, Kometen und
vielleicht sogar Planeten umkreist werden. Solange die Sterne am Leben
waren, gingen sie Tag für Tag am Himmel dieser Welten auf. Als sie aber
starben, verdampften sie ihre inneren Planeten oder verschlangen und
verbrannten sie. Zurück blieben nur die Himmelskörper in den kühleren
äußeren Regionen der Systeme. Und auch etliche dieser Überlebenden zerrissen
die Zwerge im Verlauf der folgenden Zeit. Solche dezimierten Systeme,
Friedhöfe der Welten, lassen uns das Schicksal erahnen, das auch dem
Sonnensystem bevorsteht – in fünf Milliarden Jahren, wenn die Sonne stirbt.“
Überall im Kosmos gibt es
vermutlich Weiße Zwerge mit verschmutzter Atmosphäre. Die äußeren Schichten
sind augenfällige Relikte vernichteter Himmelskörper wie Planeten(systeme),
Asteroiden und Kometen.
Allein in der Milchstraße
könnten laut Berechnungen eines internationalen Astronomenteams um Jay
Farihi (2009) von der University of Leicester in England bis zu fünf
Millionen Weiße Zwerge mit verunreinigter Atmosphäre existieren.
Beobachtungsdaten, die mit dem Spitzer-Weltraumteleskop gewonnen wurden,
signalisieren, dass ein bis drei Prozent der Zwergsterne atmosphärische
Überreste steiniger Himmelskörper aufweisen. In der Vergangenheit könnte ein
Teil von ihnen dem Sonnensystem ähnlich gewesen sein. Heute handelt es sich
um lebensfeindliche Überbleibsel.
„Auf der Suche nach
erdähnlichen Welten haben wir nun eine ganze Reihe von ausgezeichneten
Kandidaten gefunden, die solche Planeten beherbergen könnten“, betonte Jay
Farihi. Und weiter: „Wo sie um einen Weißen Zwerg kreisen, werden die
Bedingungen kaum lebensfreundlich sein, das könnte aber in einer früheren
Epoche anders ausgesehen haben.“
Michael Shara (2003) hat das
Katastrophenszenario beschrieben, welches sich bei der Kollision der Sonne
mit einem Weißen Zwerg vergleichbarer Masse ereignen könnte:
Näherte sich ein Weißer Zwerg
mit über 600 Kilometer pro Sekunde in Richtung der Sonne, würde er zunächst
Sonnenmaterie ansaugen und das Tagesgestirn birnenförmig verzerren. Beim
etwa einstündigen Durchdringen der Sonne entstünde eine Stoßwelle, welche
die gesamte Sonne zusammendrücken und so viel aufheizen würde, dass auch
außerhalb ihres Kerns Fusionsreaktionen zündeten. Die völlig überhitzte
Sonne würde innerhalb dieser Stunde so viel Energie freisetzen wie ansonsten
in 100 Millionen Jahren. Durch den aufgebauten Druck würden Gase so schnell
herausspritzen, dass sie das Sonnensystem teilweise verließen. Sodann würde
die Sonne quasi wie eine gigantische thermonukleare Bombe explodieren und
einen Gasnebel zurücklassen. Der Zwergstern hingegen würde wegen seiner
enormen Dichte fast unbeschadet seine kosmische Reise fortsetzen. Die Ozeane
und Erdatmosphäre verdampften. Lebewesen könnten auf dem Blauen Planeten
nicht mehr existieren.
Anlässlich der Vorbereitung
einer Seminararbeit entdeckte die Astronomie-Studentin Karin Sandstrom
(2002) von der Harvard-Universität, dass der Stern HR 8210 (bzw. IK Pegasi)
vor seiner baldigen Explosion steht. Bei dem Objekt handelt es sich um ein
Doppelsternsystem, dessen größere Komponente A der Delta-Scuti-Stern und
kleinere Komponente B ein Weißer Zwerg ist.
Noch ist der Abstand beider
Komponenten zu groß, um einen Massenaustausch herbeizuführen. Der
Delta-Scuti-Stern wird sich jedoch zu einem Roten Riesen ausdehnen und dann
dem Weißen Zwerg recht nahe sein. In Folge der Ausdehnung wird Materie vom
Roten Riesen auf den Weißen Zwerg gelangen und seine Masse aufpeppen, bis er
die 1,44-fache Sonnenmasse (Chandrasekhar-Grenze) erreicht und
überschreitet.
Die Materiezufuhr hebt den
Weißen Zwerg über die kritische Grenze und löst eine Ia Supernova bzw.
thermonukleare Supernova aus, bei welcher der Zwergstern schlagartig
kollabiert und explodiert. Für Tage bis Wochen leuchtet er milliardenfach
heller als die Sonne und schleudert ungeheure Mengen schwerer Elemente ins
Weltall. Der Rote Riese saust mit hoher Geschwindigkeit davon.
In der Milchstraße und anderen
Galaxien wurden bisher Hunderte Supernovae nachgewiesen. Gemäß Wolfgang
Hillebrandt (2010) vom Max-Planck-Institut in Garching, gehören Supernovae
zu den hellsten beobachtbaren Explosionen im Kosmos. Bereits 1054 erkannten
chinesische und japanische Astronomen eine Supernova im Sternbild Taurus.
Das Aufleuchten am Himmel war so hell, dass es tagsüber registriert werden
konnte. Heute wird der Überrest der Supernova Krebsnebel genannt.
Tycho Brahe entdeckte 1572 im
Sternbild Cassiopeia eine Supernova, die nach Erreichen ihres Maximums noch
heller als die Planeten Venus und Jupiter leuchtete. Und Johannes Kepler
beobachtete 1604 eine Supernova im Sternbild Ophiuchus.
Ein Beleg aus heutiger Zeit ist
das Relikt N49 in der Magellanschen Wolke. Aus dem Trümmerfeld wird ein
kugelförmiges Objekt mit einer Geschwindigkeit von acht Millionen
Stundenkilometern hinausgeschleudert. Forschern um Sangwook Park (2010) von
der Penn State University gelang mit Hilfe des Chandra Röntgenobservatoriums
der Nachweis größerer Konzentrationen von Neon, Schwefel und Silizium.
Drei Kandidaten für zukünftige
Supernovae sind HR 8210 sowie die Zwergsterne RX J0648.0-4418 und V 445
Puppis. Astronomen um Sandro Mereghetti (2009) vom Astrophysikalischen
Institut in Mailand erkannten mit Hilfe des Weltraumobservatoriums
XMM-Newton, dass der Weiße Zwerg RX J0648.0-4418 mindestens 1,2 Sonnenmassen
aufweist und von der Hülle des hellen Sternbegleiters HD 49798 ständig
Material saugt, so dass er kontinuierlich schwerer wird. Der Zwergstern
rotiert so schnell, dass ein Tag lediglich 13 Sekunden dauert. Wenn er
weiter an Masse zulegt, wird er einmal die Chandrasekhar-Grenze
überschreiten, kollabieren und als Supernova enden. Die 2.000 Lichtjahre
entfernte Sternexplosion wäre so hell wie der Vollmond. Mit bloßem Auge
könnte sie bei Tag gesehen werden.
V 445 Puppis ist ein mästender
Zwergstern im Sternbild Achterdeck des Schiffs. Forscher um Patrick Woudt
(2009) von der Universität Kapstadt, die ihn zwei Jahre lang mit dem Very
Large Teleskop beobachteten, registrierten einen permanenten Materiestrom
vom größeren Begleitstern zum Weißen Zwerg. Woudt kommentierte die Daten:
„Wir haben es zweifellos mit einem viel versprechenden Kandidaten für eine
zukünftige Supernova vom Typ Ia zu tun.“
Für das Zustandekommen von Ia
Supernovae bei Weißen Zwergen könnte es neben der Massenzunahme durch
sonnenähnliche Begleitsterne noch einen weiteren Mechanismus geben - die
Verschmelzung von zwei Zwergsternen. Laut Experten um Marat Gilfanov und
Akos Bogdan (2010) vom Max-Planck-Institut für Astrophysik in Garching, die
Computersimulationen unter Verwendung von Daten des Röntgenteleskops Chandra
durchführten, kamen die von ihnen analysierten Supernovae in verschiedenen
Galaxien „fast alle“ durch die Verschmelzung von zwei Weißen Zwergen zu
Stande.
Ein Beispiel ist das
Doppelsternsystem HM Cancri. Die zwei Zwergsterne sind etwa 16.000
Lichtjahre von der Erde entfernt und umrunden einander mit achtfachem
Erddurchmesser Abstand in 5,4 Minuten. 1999 stieß Vadim Burwitz vom
Max-Planck-Institut bei der Analyse von Daten des Satelliten Rosat auf die
Röntgenquelle mit 5,4-minütiger Periode. 2010 bestätigte ein Forscherteam um
Gijs Roelofs vom Harvard-Smithsonian Center for Astrophysics mittels des
10-Meter-Keck-I-Teleskops auf Hawaii, dass die 5,4-Minuten-Periode die
Umlaufzeit des Zwergstern-Paares ist.
Supernova-Explosionen sind
kosmische Zeitbomben für Sonnensysteme, die sich innerhalb einer bestimmten
Distanz befinden. Die meisten Astronomen gehen davon aus, dass eine
Supernova mit einem Abstand von bis zu 160 bis 200 Lichtjahren die irdische
Lebenswelt vernichtet. Die bei der Sternexplosion freigesetzte Strahlung
würde die Ozonschicht in wenigen Minuten zerstören. Alle Lebewesen wären
dadurch einer tödlichen Strahlendosis ausgesetzt.
Und HR 8210 ist 150 Lichtjahre
von der Erde entfernt. Dies bedeutet aus astronomischer Zeitperspektive: Auf
der Erde wird „demnächst“ bzw. „sehr bald“ ein kosmisch verursachtes
Massensterben stattfinden, falls HR 8210 seine Position beibehält.
Die Frist bis zu dem Ereignis
beträgt nach ersten Berechnungen von Karin Sandstrom (2002) mehrere hundert
Millionen Jahre, gemäß ihrem Dozenten Dave Latham (2002) einige hundert
Millionen Jahre. Jürgen Kummer (2006) zufolge wird HR 8210 „vielleicht in
10.000, aber wohl eher erst in vielen Millionen Jahren mit an Sicherheit
grenzender Wahrscheinlichkeit“ als Ia Supernova explodieren. Er hofft aber,
dass der Supernova-Kandidat dann weiter weg sein wird. Gemäß Michael
Rappenglück (2009), Astronom am Institut für Interdisziplinäre Studien in
Gilching, gehen die meisten Experten heute von geschätzten 10.000 bis
1.000.000 Jahren aus.
Aus der Distanz von HR 8210
ergibt sich für Dave Latham (2002) noch eine andere Überlegung. Er äußerte:
„Die Tatsache, dass ein solches System so nahe bei uns liegt, könnte
bedeuten, dass es mehr derartige Objekte in unserer Nachbarschaft gibt.“
Isotopenmessungen von
Verbindungen in Meteoriten durch Forscher wie Shogo Tachibana (University
Tokio) und Gary R. Huss (University of Hawaii in Manoa) sowie ein Team um
Leslie Looney (University of Illinois) legten 2006 den Schluss nahe, dass
die Sonne mit bis zu 3.500 Geschwistern aus einer interstellaren Wolke
entstand. Bereits kurz nach der Geburt des Sternhaufens explodierte in
nächster Nähe zur Sonne ein riesiges Objekt als Supernova.
Simon F. Portegies Zwart,
Computer-Astrophysiker an der Sternwarte der niederländischen Universität
Leiden, schreibt dazu 2010: „Als unsere Sonne gerade einmal 1,8 Millionen
Jahre alt war, muss es in weniger als fünf, vielleicht sogar in gerade
einmal 0,07 Lichtjahren Entfernung zu einer Supernova gekommen sein.“
Ein anderes kosmisches
Holocaustszenario ist die Kollision eines Schwarzen Loches mit einem
planetaren Sonnensystem. Auch dabei handelt es sich um ein höchst seltenes
Ereignis. Je länger Sonnensysteme aber bestehen, desto größer ist die
Wahrscheinlichkeit, dass ihnen etwas Derartiges einmal passieren könnte.
In den Zentren fast aller
Galaxien verbergen sich supermassereiche Schwarze Löcher, die so viel
Materie und Energie verschlingen können, bis sie die zehnmilliardenfache
Sonnenmasse erreicht haben (Treister & Natarajan 2008). Ihre Entstehung in
der Frühzeit des Kosmos ist noch rätselhaft.
Astronomen um Mark Dickinson
(2007) vom National Optical Astronomy Observartory in Tucson fanden Indizien
bei der Entdeckung von supermassereichen Schwarzen Löchern, dass sie
parallel mit den Galaxien und Sternen entstanden sind. Überraschender Weise
ist die Masse der zentralen Schwarzen Löcher proportional zur Masse der
umgebenden Sterne. Eine griffige Erklärung für die Entsprechung wird noch
gesucht. Dickinson gesteht: „Wir wissen, dass eine Beziehung besteht
zwischen den Schwarzen Löchern und ihren Galaxien, aber wir wissen nicht,
wie sie zu Stande kommt.“
Bei einer Hochrechnung der
mittels Spitzer- und Chandra-Weltraumteleskop für einen kleinen
Himmelsausschnitt ermittelten Anzahl Schwarzer Löcher ergaben sich für das
Universum mehrere Hundert Millionen supermassereiche Schwarze Löcher.
Astronomen um Julia Comerford
(2010) von der kalifornischen Berkeley-Universität beobachteten 33 Paare von
Schwarzen Löchern in vier bis sieben Milliarden Lichtjahre entfernten
Galaxien und schlussfolgerten, dass bei Kollisionen von zwei Galaxien die
beiden supermassereichen Schwarzen Löcher sich mit Geschwindigkeiten von
mehreren hundert Kilometern pro Sekunde umkreisen. Sie bilden zwei
umeinander tanzende Schwarze Löcher.
Supermassereiche Schwarze
Löcher sind aktiv und verschlingen ständig Materie aus ihrer Umgebung oder
schlummern und erwachen zeitweise, wenn ihnen Sterne zu nahe kommen.
Ein Forscherteam um Suvi Gezari
vom Caltech in Pasadena registrierte mit dem Ultraviolett-Teleskop des
Satelliten Galaxy Evolution Explorer, wie ein Stern von einem Schwarzen Loch
mit zehnmillionenfacher Sonnenmasse in einer vier Milliarden Lichtjahre
entfernten Galaxie im Sternbild Bootes vom Anfang bis zum Ende verschlungen
wurde.
Das supermassereiche Schwarze
Loch der 191 Millionen Lichtjahre entfernten Galaxie NGC 7052 im Sternbild
Fuchs verschlingt eine gigantische Staubscheibe mit einem Durchmesser von
3.700 Lichtjahren. Sie könnte der Überrest einer früheren Galaxienkollision
sein.
Daneben vagabundieren in und
außerhalb der Galaxien Abermilliarden leichtere stellare Schwarze Löcher,
die am Ende von Sternentwicklungen bei Supernovae gebildet werden. In der
Milchstraße könnten Hunderte von Schwarzen Löchern unterwegs sein, die alles
verschlingen, was sich ihnen im Umkreis von einigen hundert Kilometern in
den Weg stellt. Zu dieser Schätzung kamen amerikanische Astronomen um Kelly
Holley-Bockelmann (2008) von der Vanderbilt University.
Die Astrophysiker Avi Loeb
(2009) vom Harvard-Smithsonian Center in Cambrigde und sein Kollege Ryan
O’Leary vermuten ebenfalls Hunderte von Schwarzen Löchern, welche die 1.000-
bis 10.000-fache Masse der Sonne aufweisen und durch die äußeren Bereiche
der Milchstraße rasen. Sie entstanden vermutlich bei der Kollision von
Proto-Galaxien im frühen Universum.
Andere Autoren (etwa Maillard
2005) vermuten in der Milchstraße bis zu 100 Millionen vagabundierende
Schwarze Löcher, die in jeder Sekunde sich so viel Materie und Energie
einverleiben, wie die Masse der Erde beträgt.
Streunende Schwarze Löcher
können den Sternhaufen mit einer Geschwindigkeit von bis zu 4.000 Kilometern
pro Sekunde entweichen. Die hohe Geschwindigkeit und die kaum vorhersehbare
Richtung kommen dadurch zu Stande, dass bei der Kollision von Galaxien die
Gravitationswellen bevorzugt in eine Richtung ausgesandt werden und das
gebildete Schwarze Loch einen extrem starken Rückstoß erhält (Brügmann et
al. 2007; Merrit et al. 2007).
Kelly Holley-Bockelmann
bemerkte nach Abschluss der Computersimulationen, bei denen zwei Schwarze
Löcher mit unterschiedlichen Massen und unterschiedlichen
Rotationsgeschwindigkeiten zusammenstießen und ein noch größeres Schwarzes
Loch bildeten: „Uns wurde schnell klar, dass ein solches verschmolzenes
Schwarzes Loch jeden Kugelsternhaufen sofort verlassen würde, weil die
Entweichgeschwindigkeit der Haufen bei weniger als 100 Kilometern pro
Sekunde liegt.“
Einem Team um Stefanie Komossa
(2008) vom Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik gelang in einer
zehn Milliarden Lichtjahre entfernten Himmelsregion der indirekte Nachweis,
dass Schwarze Löcher tatsächlich miteinander verschmelzen können. Ein im
digitalen Sloan-Himmelsatlas aufgespürtes Schwarzes Loch mit einigen 100
Millionen Sonnenmassen wird mit einem Tempo von fast 3.000 Kilometern pro
Sekunde aus dem Zentrum der Muttergalaxie hinauskatapultiert. Bei der Reise
durch das Weltall nimmt es die umgebende Materie größtenteils mit. Dadurch
wird es viele Millionen Jahre lang wachsen.
Die Studentin Marianne Heida
(2010) von der holländischen Universität Utrecht entdeckte in einer über
eine halbe Milliarde Lichtjahre entfernten Galaxie ein mindestens eine
Milliarde Sonnenmassen schweres Schwarzes Loch, das ebenfalls durch die
Kollision mit einem Schwarzen Loch aus dem Galaxienzentrum
hinausgeschleudert wird.
Gerät ein Sonnensystem in die
Gravitationsfalle eines vagabundierenden Schwarzen Loches, bedeutet dies das
endgültige Aus für den Stern und die Planeten. Die von dem
Schwerkraftmonster einverleibte Materie wird völlig zerrissen und zermalmt,
bleibt im Inneren gefangen oder wird als energiereiche Strahlung ins Weltall
abgegeben.
Im Galaxienhaufen MS
0735.6+7421 verspeist ein Schwarzes Loch vermutlich Millionen Sterne, wobei
ein Teil des aufgenommenen Materials in zwei Strahlenbündeln ins Universum
zurückgeschleudert wird (McNamara 2004).
Beobachtungsdaten von
Weltraumteleskopen wie Chandra und XMM-Newton legen die Vermutung nahe, dass
eine Vielzahl stellarer Schwarzer Löcher sich „vor unserer kosmischen
Haustür“ aufhält (Barger 2005). Wo sich die einzelnen Objekte befinden und
wohin sie sich bewegen werden, ist derzeit noch ungewiss.
Philip Plait studierte
Astronomie an der Universität von Virginia, forschte danach am Goddard Space
Flight Center der Nasa und vermittelt heute als erfolgreicher
Internet-Blogger astronomisches Wissen in packender Form. Sein Buch „Tod aus
dem All. Wie die Welt einmal untergeht“ (2010) leitet er mit dem Hinweis
ein: „Nehmen Sie es nicht persönlich. Auch mein Leben ist in Gefahr. Das
Universum wird uns alle vernichten. Und das fast mühelos.“
Bei der Betrachtung Schwarzer
Löcher stellt er fest: „Schwarze Löcher sind wahrlich merkwürdige Gebilde:
Selbst jeder noch so simple Bewegungsakt entpuppt sich als komplizierter
Vorgang. Wir jedenfalls haben unsere Lektion gelernt: Wer hineinfällt, ist
tot – ohne Wenn und Aber.“
Der Epilog endet mit einer
Einladung. Plait empfiehlt seinen Leserinnen und Lesern: „Der Großteil des
Universums ist tödlich, unsere kleine Welt dagegen recht kuschelig. Der
Kosmos gibt und nimmt. Gehen Sie also nach draußen und genießen Sie einen
sonnigen Tag oder eine sternenschwangere Nacht. Wer den Gefahren des Himmels
mit Respekt begegnet, ohne dabei den Blick für seine Schönheiten zu
verlieren, hat verstanden. Und Verständnis ist immer gut.“